Freitag, 4. April 2014

Versuche (zweiter Teil einer Kurzgeschichte)


Curry, Senf und Ketchup - Friedrich Wulf

Kommissar Max Berger muss einen ersten Mord lösen, zu dem es viele Zeugen, aber weder Spuren noch Motive gibt. Prof. Liedvogel ist während einer Vorlesung erschossen worden. Der zweite Mord ist grässlicher und führt Berger in die Skinhead-Szene.

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Versuche (zweiter Teil einer Kurzgeschichte)
Der ICE stoppte mit einem langgezogenen Jaulen der Bremsen in Kassel-Wilhelmshöhe. Eine Minute vor der Abfahrt trat eine Frau mit großem Mund und rotem Barett in ein Abteil des Zuges. In der linken Ecke am Fenster saß eine ältere Dame, kurzbeinig, ganz in Schwarz, das Gesicht wie aus Teig geknetet.
Die Frau mit dem Barett arrangierte ihre Sachen und setzte sich ihr gegenüber, angestarrt von einem Mann, der mit einem monströsen Schnauzbart prunkte. Sie ging noch einmal auf den Gang hinaus, winkte und kam mit einem Lächeln zurück, das sich langsam auflöste und sich in Müdigkeit und Überdruss verwandelte.
Hinterhöfe glitten vorbei, an einer Wand ein Plakat: Mehr Just-in-time-Service.
Die plumpe Frau in der Ecke fragte: „Kann ich meine Tasche hierher stellen?“
„Bitte, stellen Sie nur“, sagte die Frau mit Barett.
„Entschuldigen Sie, mir ist das eigentlich peinlich, Helga Hornung übrigens, aber Sie sind doch …“ Sie machte eine Pause, in der ihre schmalen Augenbrauen auf die Stirn krochen. „Sie sind doch Sarah Maler, nicht wahr?“
Der Mann mit dem Imponierschnauzer senkte seine Zeitung etwas und blinzelte über den Rand zu ihr hinüber.
„Ja, bin ich.“
„Zu einem neuen Film in Berlin?“
„Nein.“
„Eine Fernsehproduktion? Wir haben so lange nichts von Ihnen gesehen. Ich bin nämlich auf dem Weg zu meinem Sohn in Berlin.“
„Auch keine Fernsehproduktion.“
Helga Hornung zog ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und schnäuzte sich energisch die Nase von links nach rechts und wieder zurück.
„Das ist aber schade, sehr schade“, sagte Helga Hornung. „Glauben Sie, dass die Demonstration gefährlich wird?“
„Welche Demonstration? Ich komme aus Paris.“
„Ach dort haben Sie gedreht.“
Die Augen auf die Spitze ihres grauen Schuhs gerichtet, lächelte Sarah zum ersten Mal, blickte auf und schaute in die neugierigen Augen der Frau.
„Nein auch dort habe ich nicht gedreht, sondern nach einer Rolle gesucht und jetzt suche ich einen Mann“, sagte sie lächelnd.
Sie zog ihre Handschuhe aus. Ein Ring glitt ihr vom Finger.
„Rutscht mir immer wieder runter. Muss dünner geworden sein oder so“, sagte sie.
„Das ist ja wie im Kino“, sagte Helga Hornung. „Da gab es doch diesen Film Suche impotenten Mann?“
„Ja“, sagte Sarah Maler, „Suche impotenten Mann fürs Leben.“
„Jetzt wollen Sie mich aber verulken“, sagte Helga Hornung.
„So war der Titel“, sagte Sarah Maler.
Von irgendwoher in der Decke des Abteils kam ein leises Knistern wie von Regen, der auf ein Blechdach tropft. Sören Grosmann schaute gegen die Decke, blickte ins milchige Licht der Beleuchtung, schaute nach draußen, wo der Zug durch den roten Spätnachmittag raste. Er leckte über seine Lippen, schnüffelte einige Male und presste die Nasenflügel zwischen Daumen und Zeigefinger zusammen, um die wunden Punkte zu spüren. Er schloss die Augen, riss sie aber gleich wieder auf, weil er nicht zum tausendsten Mal sehen wollte, wie Sarah ungehemmt lachte über seinen Einfall.
In die Innenseite des Rings hatte er eine Rose eingravieren lassen, ein fein ziseliertes Meisterwerk. Und sie prustete nur und sagte: „Welch ein Kitsch!“ Und dann: „Doch, doch das ist auch süß, doch Sören, ich finde das ist eine süße Idee.“ Er hielt es nicht länger aus und stürzte durch den Gang zur Toilette, wo er ein Häufchen des Pulvers auf seinen Daumennagel rieseln ließ; er saugte das Hügelchen ins linke Nasenloch und wiederholte die Prozedur mit dem rechten. Zweimal schleckte seine Zunge den glitzernden Staub vom Nagel und zweimal verzerrte sich seine Miene von der gummiartigen Bitterkeit. Er verließ die Toilette mit elastischen Schritten, seine Gedanken köstlich wie eisige Luft in stickigen Räumen. Auf seinem Weg zurück zum Platz dachte er, wie einfach es wäre, gleich jetzt zu sterben. Er lächelte. Besser bis nach der Sendung warten. Es wäre eine Schande die Wirkung des verzaubernden Gifts abzukürzen.