Mittwoch, 12. März 2014

Die letzte Lektion (2. Kapitel)


Der Mörder wartet nicht, bis ein Lehrer aufzeigt. Im Nu sind einige Lehrer in die ewigen Ferien verabschiedet worden. Warum gerade Lehrer? Stimmt, Bankmanager hätten es auch getan, aber es sind halt Lehrer geworden.
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Horst Krock hatte Sorgen. Seine Sorgen waren gestaffelt wie Horizonte, die sich immerzu verschieben, sich mal in den Vordergrund drängen und dann wieder zurückziehen. Alle seine gestaffelten Sorgen wurden eingerahmt von den Befürchtungen um seinen Job. Akut in den Vordergrund drängten sich die roten Zahlen auf seinen Bankkonten. Noch akuter jedoch war das konvulsivische Jetzt: Er kotzte gerade über seinen Zahnarzt. Da wirst du alt wie eine Kuh und lernst jeden Tag noch was dazu. Es war offenbar ein Fehler, sich mit einem hemmungslosen Kater in die Folterkammer eines Zahnarztes zu begeben.
Zum Zahnarzt ging niemand gern, aber normalerweise betrachtete Krock die Tortur wie alles andere im Leben auch: als einen Witz. Er wusste, wie man sich vor allzu brutalen Bohrübungen des Zahnarztes schützte: mit einem schnellen Griff. In dem Augenblick, in dem die Marterliege gesenkt wurde, griff er dem Zahnarzt gewöhnlich zwischen die Beine und grinste: „Wir werden einander doch nicht wehtun, nicht wahr?“ Aber jetzt erbrach er Brocken, von denen er nicht wusste, was sie im Original gewesen sein mochten.
Den Griff hatte er heute vergessen, viel zu nachlässig war seine Stimmung. Horst hörte kaum das Knacken und Knirschen im Maul und verdrehte nur die Augen bei der zweiten Aufforderung: „Weiter öffnen!“ Sein Magen war eine servile Sau, er nahm den Befehl wörtlich und öffnete sich auf der Stelle. Seine Speiseröhre dehnte sich und schon strömten aus seinem Rachen acht Halbe, sechs doppelte Whiskys, Dönerklumpen, etwas Krautsalat, zwölf Erdnüsse, zwei Schinkenlappen - alles in allem 35 Euro und 25 Cent an Getränken und Fressalien. Oder um genau zu sein, davon die halb verdauten Reste. Nachdem sich Horsts Magen, dann sein Mund und schließlich die Tür weit geöffnet hatten, brauchte er einen neuen Zahnarzt.
Das hätte Horst Krock normalerweise nicht sonderlich gestört. War willkommenes Erzählmaterial für die nächste Kneipennacht. Zu diesem Zeitpunkt in seiner Karriere jedoch durfte die Eskapade unter keinen Umständen bei seinem Arbeitgeber ankommen. Krock war ein Experiment, ein Prototyp, der erste Vollzeit Kriminalreporter beim Paderborner-Rundfunk und nach den Erfahrungen mit ihm, standen die Sterne günstig, dass er auch der letzte sein würde. Er war ein verflucht guter Journalist; ausgefuchst, trinkfest und ohne Abitur.
Er hatte eine prächtige Journalistennase, knubblig und porös, die seinem geräumigen Gesicht stand. Krock war glücklich, wenn er mit jemandem reden konnte, und konnte es mit den meisten.
Horst Krock bildete sich nichts ein, bis auf den Umstand, mit Menschen jeder Art reden zu können und hielt es für das Zeichen großer geistiger Gesundheit. Gäbe es ein Verbrechen im Kreise der Honoratioren der Stadt Paderborn, für ihn wäre es eine leichte Übung, Fakten, Fuseln und Flusen zu finden vom Bürgermeister bis zur Putzfrau des Rathauses. Er kannte sämtliche Polizisten, auf die es ankam und auch die meisten Top-Ganoven der Stadt. Dass er zwischen den Ganoven und Top-Polizisten keinen wirklichen Unterschied machte, konnte jedermann hören, wenn er für 35 Euro und 25 Cent getrunken und gegessen hatte.
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