Samstag, 8. März 2014

Aufschieberitis (Teil 2)



Eine Erklärung fürs Aufschieben ist denkbar simpel. Solange ich den Artikel, die Rede, den Blogbeitrag, den Roman noch nicht geschrieben habe, solange kann noch alles gut werden. Bevor ich meine Fingerspitzen auf die Tastatur lege, bin ich Schopenhauer, Heine, Nietzsche und Thomas Mann in einem Genie zusammengerollt. Sobald ich jedoch die Finger von der Tastatur nehme, fühle ich mich wie ein Zeilenschinder, der Groschenromane am laufenden Band produziert.
Jeder Text ist so lange perfekt, bis wir mit dem Schreiben beginnen und schon mit der ersten Zeile beginnen die Mängel.

Eine Figur in Camus’ „Die Pest“ schreibt den ersten Satz seines Romans immer wieder neu, als würde sich alles von selbst fügen, wäre erst einmal der Einleitungssatz perfekt formuliert. Natürlich vermeidet er so die Feststellung, wie fehlerhaft und unausgegoren das ganze Projekt ist. Koeppen versprach über Jahre, ganz bestimmt, in einem Monat könne er sein Manuskript beim Verlag abgeben. Musil überarbeitete seinen „Mann ohne Eigenschaften“ so häufig, dass der Roman kein Ende bekam.

Schriftsteller stoßen beim Scheiben auf Hindernisse und Unmöglichkeiten, die sich nicht auflösen lassen. Trotzdem schreiben sie weiter und leben mit der Spannung und in der Hoffnung, dass die Leser die Lücken und Löcher nicht bemerken und freundlich gestimmt sind, sollten sie die Schwächen entdecken.

Schreiben bedeutet auch die Kontrolle aufzugeben, um zu sehen, wohin eine Idee, eine Geschichte uns führt. Und Schreiben heißt auch, sich über die eigene Kreativität zu freuen und nicht niederringen zu lassen von den eigenen Schwächen.
Das Aufschieben hilft uns also dabei, mit diesen Schwierigkeiten umzugehen. Jedes geschriebene Wort wird zum Test, welche Kunstfertigkeit man erworben hat und jeder Artikel bietet den Lesern die Möglichkeit, den Daumen zu senken oder zu heben.

Theoretisch würde ich jeden Tag schreiben. Heute muss ich produktiv sein, sage ich mir. Aber dann passiert etwas, das mich vom Schreiben abhält. Irgendwas passiert immer. Eigentlich weiß ich jeden Morgen, dass ich den ganzen Tag verbummele. Schließlich gibt es immer etwas zu tun: ein Besuch bei der Bank, bei der Post, unaufschiebbare Einkäufe. Habe ich das Internet schon erwähnt?


Nacktes Entsetzen

Die Sammlung beginnt mit vier schwarzen Erzählungen. Die nächsten fünf Geschichten werden zunehmend heller und humorvoller. 

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