Mittwoch, 5. März 2014

Bücherwurm


Ist doch interessant, dass es im Englischen für diese mythologische Kreatur den gleichen Namen gibt. Die Bohrschnauze des Bücherwurms muss man sich vorstellen wie einen Bohrer mit scharfen Zähnen. Die Rüsselschnauze ist nicht spitz wie bei einem Bohrer, sondern die Bohrschnauze ist abgeflacht, etwas dicker als eine Stecknadel. Auf der Fläche sitzen sehr feine, sehr scharfe Mikrozähne. Nicht wie ein Bohrer, der sich in eine Richtung dreht, verfährt der Bücherwurm. Sein Bohrrüssel dreht sich mit ungeheurer Geschwindigkeit abwechseln nach links und rechts, so dass die gleiche Wirkung entsteht wie bei einem Bohrer der nur eine Drehrichtung kennt.

Die feinen Hobelschnipsel werden beim Bohren eingesaugt und nach genau 24 Stunden ausgeschieden. In den Papierschnipseln sind fast keine Nährstoffe enthalten, weshalb es niemals mehrere Bücherwürmer in einem Buch gibt. Täglich benötigen sie 25 Kubikzentimeter Pappe und Papier, um sich zu ernähren. Bücherwürmer schlafen niemals, was nicht am Stoff liegt, den sie durchdringen, sondern daran liegt, dass sie alle Zeit dazu benötigen sich zu ernähren.


Es gibt Ausnahmen. Leichte Lektüre ist verdaulicher und so haben die Bücherwürmer in seichten Werken schon mal genug Zeit sich auf eine oder auf zwei Stunden mit dem Stoff auseinanderzusetzen. Da sie jedoch exquisiten literarischen Geschmack besitzen, halten sie sich nicht lange beim Trivialen auf, sondern fressen sich lieber einen Wanst an, denn nur sie haben danach die Chance, den Weg zu einem neuen Buch zu finden. Die Geschöpfe, die mit einem schweren Werk abschließen, sind in der Regel so geschwächt, dass sie nicht in der Lage sind, sich auch nur wenige Zentimeter bis zum nächsten Buch zu schlängeln, weil sie auf dem Weg verhungern.
Leichte Lektüre nährt den Bücherwurm also bei Weitem besser als knochentrockene Philosophie. Und also wagen wir am Ende einen philosophischen Satz: Das Leben liebt die Leichtigkeit.










Nacktes Entsetzen (9 Erzählungen)

Thomas’ Frau verlässt ihn im Streit, um einen Dokumentarfilm im Rotlichtmilieu zu drehen. Ein neues Aktmodell posiert für Thomas. Aus diesem Arbeitsverhältnis entwickelt sich für Thomas ein Albtraum aus Misstrauen, Verdächtigungen und Paranoia.

Neun Erzählungen über Liebe, Rache, Abhängigkeit, Fernsehen und Fußball.

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