Mittwoch, 12. März 2014

Die letzte Lektion (2. Kapitel)


Der Mörder wartet nicht, bis ein Lehrer aufzeigt. Im Nu sind einige Lehrer in die ewigen Ferien verabschiedet worden. Warum gerade Lehrer? Stimmt, Bankmanager hätten es auch getan, aber es sind halt Lehrer geworden.
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Horst Krock hatte Sorgen. Seine Sorgen waren gestaffelt wie Horizonte, die sich immerzu verschieben, sich mal in den Vordergrund drängen und dann wieder zurückziehen. Alle seine gestaffelten Sorgen wurden eingerahmt von den Befürchtungen um seinen Job. Akut in den Vordergrund drängten sich die roten Zahlen auf seinen Bankkonten. Noch akuter jedoch war das konvulsivische Jetzt: Er kotzte gerade über seinen Zahnarzt. Da wirst du alt wie eine Kuh und lernst jeden Tag noch was dazu. Es war offenbar ein Fehler, sich mit einem hemmungslosen Kater in die Folterkammer eines Zahnarztes zu begeben.
Zum Zahnarzt ging niemand gern, aber normalerweise betrachtete Krock die Tortur wie alles andere im Leben auch: als einen Witz. Er wusste, wie man sich vor allzu brutalen Bohrübungen des Zahnarztes schützte: mit einem schnellen Griff. In dem Augenblick, in dem die Marterliege gesenkt wurde, griff er dem Zahnarzt gewöhnlich zwischen die Beine und grinste: „Wir werden einander doch nicht wehtun, nicht wahr?“ Aber jetzt erbrach er Brocken, von denen er nicht wusste, was sie im Original gewesen sein mochten.
Den Griff hatte er heute vergessen, viel zu nachlässig war seine Stimmung. Horst hörte kaum das Knacken und Knirschen im Maul und verdrehte nur die Augen bei der zweiten Aufforderung: „Weiter öffnen!“ Sein Magen war eine servile Sau, er nahm den Befehl wörtlich und öffnete sich auf der Stelle. Seine Speiseröhre dehnte sich und schon strömten aus seinem Rachen acht Halbe, sechs doppelte Whiskys, Dönerklumpen, etwas Krautsalat, zwölf Erdnüsse, zwei Schinkenlappen - alles in allem 35 Euro und 25 Cent an Getränken und Fressalien. Oder um genau zu sein, davon die halb verdauten Reste. Nachdem sich Horsts Magen, dann sein Mund und schließlich die Tür weit geöffnet hatten, brauchte er einen neuen Zahnarzt.
Das hätte Horst Krock normalerweise nicht sonderlich gestört. War willkommenes Erzählmaterial für die nächste Kneipennacht. Zu diesem Zeitpunkt in seiner Karriere jedoch durfte die Eskapade unter keinen Umständen bei seinem Arbeitgeber ankommen. Krock war ein Experiment, ein Prototyp, der erste Vollzeit Kriminalreporter beim Paderborner-Rundfunk und nach den Erfahrungen mit ihm, standen die Sterne günstig, dass er auch der letzte sein würde. Er war ein verflucht guter Journalist; ausgefuchst, trinkfest und ohne Abitur.
Er hatte eine prächtige Journalistennase, knubblig und porös, die seinem geräumigen Gesicht stand. Krock war glücklich, wenn er mit jemandem reden konnte, und konnte es mit den meisten.
Horst Krock bildete sich nichts ein, bis auf den Umstand, mit Menschen jeder Art reden zu können und hielt es für das Zeichen großer geistiger Gesundheit. Gäbe es ein Verbrechen im Kreise der Honoratioren der Stadt Paderborn, für ihn wäre es eine leichte Übung, Fakten, Fuseln und Flusen zu finden vom Bürgermeister bis zur Putzfrau des Rathauses. Er kannte sämtliche Polizisten, auf die es ankam und auch die meisten Top-Ganoven der Stadt. Dass er zwischen den Ganoven und Top-Polizisten keinen wirklichen Unterschied machte, konnte jedermann hören, wenn er für 35 Euro und 25 Cent getrunken und gegessen hatte.
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Dienstag, 11. März 2014

Curry, Senf und Ketchup (1. Kapitel)


Kommissar Max Berger muss einen ersten Mord lösen, zu dem es viele Zeugen, aber weder Spuren noch Motive gibt. Prof. Liedvogel ist während einer Vorlesung erschossen worden. Der zweite Mord ist grässlicher und führt Berger in die Skinhead-Szene.
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Zum dritten Male krampfte sich sein Magen zusammen. Robert Zimmermann verzog sein Gesicht, als wäre ihm Zwiebelsaft in die Augen gespritzt worden. Dabei hatte der letzte Schluck Kaffee sich am Bestimmungsort nur unwohl gefühlt. Der Kaffee hatte den ätzenden Rückweg durch die Speiseröhre angetreten und füllte seinen Mund nun als saure und beißende Brühe.
Er spuckte die heiße Säure ins Spülbecken und wusste, dass sein Magen keinen Spaß mehr verstand. War immer ein übles Zeichen, wenn der Körper sich meldete, wenn der Magen meinte sich eigenwillig aufspielen zu müssen, weil drogistische Hilfen nicht länger geschätzt wurden.
Wenn der Körper Kaffee also zum Kotzen fand, dann mussten andere Mittel her, um seine Schaffenskraft auf Trab zu halten, denn Professor Liedvogel war noch humorloser als sein Magen. Was nicht perfekt war, wurde von Liedvogel so verrissen, dass man sich wünschte, niemals ein Seminar bei ihm besucht, ja, niemals eine Uni von innen gesehen zu haben.
Aber das Ende war in Sicht. Nach drei durchwachten Tagen und Nächten konnte Robert manch Gutes, wenn nicht Großes abliefern, um dem Liedvogelschen Fallbeil zu entgehen. War keine Kleinigkeit Liedvogels Schnabel zu schließen, war ungefähr so wahrscheinlich wie ein funktionierender Computer über mehr als drei Tage. Liedvogels Gnadenlosigkeit hatte volkswirtschaftlich äußerst positive Wirkungen. Seine Studenten, häufig Ex-Studenten, sorgten für volle Sprechstunden bei Quacksalbern jeder Couleur und sie unterstützten neben der Pillenindustrie ungefähr die Hälfte der Paderborner Kneipen.
Erst im letzten Semester konferierte der gesamte Psycho-Fachbereich sechs Stunden, um einen Sprungbereiten vom Turm zu locken. Scheußlich spannende Szene. Bis er endlich sprang. (Alternative für Zartbesaitete: Bis er dann doch nicht sprang.)
Zimmermann rieb sich mit seinen Zeigefingerknöcheln beinahe die Augen aus dem Kopf. Eine Nasevoll und dann noch einmal totale Konzentration, damit die Endversion und nicht etwa eine Zwischenarbeit durchs Kabel rauschte. Wäre ein Desaster! Ich piss mir in die Hose, wenn Liedvogel den Kopf zur linken Schulter senkt.
Eine Woche Komatrinken hatte Zimmermann über die letzte Katastrophe gerettet. Dieses Mal gab es nur zwei Möglichkeiten - Taxifahrer oder Sprung vom Turm. Was ungefähr das Gleiche war.
Jetzt nur nicht vergessen, die Datei an die Mail zu hängen. Selbst solche Lappalien reizten Liedvogel zu enormen Aufschwüngen seiner Lust an sarkastischer Erniedrigung. So, jetzt noch ein Mausklick auf den Sendeknopf. Ab die Post!
Die Kiste aus und in die Kiste rein waren kaum getrennte Vorgänge, reines Fließen. Nichts als tiefer, tiefer Schlaf!!
Um 16.30 Uhr wachte Robert auf, blickte auf den Wecker und hatte noch eine halbe Stunde. Neben dem Bett die Hose. Er sprang hinein, bückte sich, warf Arme und Hemd in die Luft und rieb sich durch die Augen. Fertig! In einem Pappschälchen vergammelten zwei altersgraue Stückchen Currywurst. Auf Ekelgefühle nahm Roberts Hunger keine Rücksicht. Zu den kalten Hochfettinnereienrollen schlürfte er Kaffe und eilte zur Uni.
Um 16 Uhr öffnete Professor Liedvogel die E-Mail und grinste, als er die Sendezeit las: 03:23. Er ließ den Drucker schnurren, nahm aus einem Hängeordner die Arbeit von Ole Nieljung, blätterte hinein, neigte den Kopf zur linken Schulter und mit verkniffenen Mundwinkeln warf er Nieljungs Arbeit auf den Schreibtisch.
An einer Pinnwand hing ein Poster mit einer Rakete, die das Universum durchquerte und im Schlepp ein Banner zog mit den Worten: „Make big plans!“ Natürlich wusste Liedvogel, dass seine Kollegen das für großmäulig hielten. Wer nicht mithalten konnte, war eben zu neidischem Schielen verdammt. Mickrige Gefühle, mickriger Köpfe! Hauptsache, seine Mitarbeiter wussten, was ihr Chef bewegte: 30 Stellen hatte Liedvogel an seinem Paderborner „Medien Center“ geschaffen. Ganze drei davon bezahlte die Uni selbst, alle anderen wurden durch Drittmittel finanziert.
Er blickte auf seine Uhr, rupfte den Aufsatz von Zimmermann aus dem Schacht des Druckers, überflog das Vorwort und las die erste echte Seite. Er nickte hier, neigte dort den Kopf zur gefährlichen Schulter und schob sein starkes Kinn vor.
Liedvogel blickte abermals auf seine Uhr, schaute dann zur Tür, schloss eine Schreibtischschublade auf und nahm ein Fläschchen heraus. Eine violette Pille kullerte in seine Handfläche, er führte sie zum Mund und warf den Kopf schluckend in die Luft wie ein Reiher, der einen Fisch durch den Schlund würgt. Es ist ein Wunder, dachte Liedvogel und summte eine Melodie. Ein Lächeln, im Husch da, im Husch vorüber. Die Melodie, vorher ein Nichts, nachher ein Nichts, kommt als Gespenst wieder und stört die Ruhe eines späteren Augenblicks. Robert Zimmermann hätte den Song als „Mother’s Little Helper“ identifiziert, weil er sich mit so was  auskannte. Wahrlich kein Wunder bei seinem Namen. Aber Robert Zimmermann war zu spät.

Zur Besprechung mit Liedvogel federte er den Korridor hinunter, als käme er gerade aus einem Seminar über die glückbringende Wirkung von Mimik und Bewegung. Und was verriet sein Gesicht mit der messerscharfen Nase? Grinse außen, dann grinst du auch innen. Seminarziel erreicht!
Die Faust von Liedvogel reichte bis in Roberts Eingeweide. Sein Magen eine zusammengepresste Blechdose. Alle verwünschten Liedvogel, aber alle hingen auch an seinen Lippen und lechzten nach seinem Lob und nichts weniger als das erwartete Zimmermann für seinen Aufsatz.
Ganz außerordentliche Ergebnisse hatte er zutage gefördert. Sah sich schon in der „Kulturzeit“, hörte die einführenden Worte von Zobel: „Eben erschien in Paderborn eine sensationelle Untersuchung. Zu Gast heute Abend im Studio der Medienwissenschaftler Robert Zimmermann. Bevor wir über Einzelheiten sprechen, möchte ich Sie bitten, die Ergebnisse Ihrer Studie kurz vorzutragen. Schon der Titel ist ein Knaller.“
„Ja gern, Herr Zobel. Mein Aufsatz heißt: Das Fernsehen als lebensförderndes Palliativum für Senioren.“
„Sehr schön, ganz famos, sensationell!“, sagte Zobel.
Vor der Tür zum Liedvogelschen Büro zögerte Robert einen Wimpernschlag lang und seine Haare gaben preis, welche Unwetter sich in seiner Kuppel entluden. Sie standen zu Berge und flirrten wie Kolibriflügel. Doch, doch der Aufsatz war ein kolossaler Wurf! Die Sprache kernig und männlich wie bei Schopenhauer. Und dann erst die Ergebnisse, so überraschend wie neu; der Durchbruch war da! Gedanken wie Axthiebe! Sein Anklopfen entsprach dem anschwellenden Sturm in seinem Hirn.

„Zimmermann, na endlich!“ Liedvogel blickte auf seine Uhr. „Wegen der zehn Minuten brauchen Sie die Tür nicht gleich einzuhämmern. Hier Zimmermann!“
Liedvogel warf ihm einen Aufsatz zu. „Mist! Überarbeiten!“ Zimmermanns käsiges und hagerknochiges Gesicht verfärbte sich, wurde nicht gerade puterrot, aber immerhin bekamen seine Wangen etwas Rosiges.
„Wie bitte?“
„Setzen Sie sich mit Nieljung zusammen, so geht das nicht. Er lieferte schon gestern und ist uneinsichtig, sieht nicht, welche Plattitüden er da aneinanderreiht. Und die Sprache, sie müssen da mit dem Hobel ran Zimmermann. Nieljung ist ein Schwachkopf. Selbst bei Orkan fällt der Apfel eben nicht weit vom Stamm. Ich habe ihn rausgeworfen. Aber das hier erledigen Sie noch zusammen mit ihm.“
„Nieljung rausgeworfen?“
„Wollen Sie ihn weiterhin mit durchziehen, Zimmermann?“
„Hat der Stamm schon angerufen?“
„Nein!“
„Macht er denn noch mit, nach dem Rauswurf. An dem Aufsatz meine ich?“
„Er glaubt noch nicht so richtig dran, machen Sie mal. Und nun zu ihren Geistesblitzen. Nachtarbeiter wie?“
An einem Dutzend Stellen pappten Zettel zwischen den Seiten seines Aufsatzes. Ein gutes Zeichen, ein bedrohliches Zeichen? Waren das die Stellen mit den kräftigen Thesen oder den noch kühneren Folgerungen?
„Setzen Sie sich. Kommen Sie her!“ So nah, so nah war Zimmermann unheimlich, und schon hatte er sich gestochen an der Liedvogelschen Au, Au, Aura.
Gemeinsam schauten sie in den Aufsatz. Pluszeichen hielten den Fragezeichen die Waage. Auf den ersten beiden Seiten.
„Zimmermann, das hier“, Liedvogel tippte auf unterschlängelte Stellen, „das ist gut, wirklich stark.“
Wie bitte? Zimmermanns Geist machte dicht. Was? Wie? Wo ist das Aber? Kommt kein Aber? Das sei gut, sei gar stark?
„Aber“, fuhr Liedvogel fort, „um Himmels willen, erfinden Sie eine authentische Quelle. Zum Beispiel eine Umfrage unter Senioren, nehmen Sie meinetwegen Ihre Großmutter, aber verweisen Sie doch nicht auf einen Roman als Belegmaterial für ihre Thesen.“
Eine Großmutter wollte Robert wohl erfinden, eine Kleinigkeit. Die Rettung aus der stachligen Aura trat ins Büro. Chrissi Hains überreichte Zimmermann eine Kopie seines Aufsatzes und so konnte er Reißaus nehmen aus der Liedvogelschen Stachelaura.

Liedvogel nahm den Seiteneingang zum Hörsaal, denn schon eine Viertelstunde vor dem Beginn der Vorlesung waren auch die Treppenstufen des Saals besetzt. „Durch die Katakomben“, wie er es nannte. Zimmermann hörte etwas anderes hindurch, Liedvogels Eitelkeit, seine Enttäuschung darüber keinen Auftritt zu haben, nicht die Treppe hinuntertänzeln zu können.
Chrissi und Robert warfen die Maschinerie in Gang. Robert fuhr die Leinwand hinunter, Chrissi legte die DVD ein, positionierte den Beamer und drehte am Objektiv, bis das Bild scharf war. Liedvogel war ein Liebhaber des Details, das Große und Grobe bekamen auch die Doofen mit, aufs Feine und Kleine kam es ihm an und auf den Subtext, besonders den Subtext und den ironischen Blick.
Und was wurde gegeben? Hier wurde nichts gegeben! Liedvogel hielt eine Vorlesung mit dem Titel: „Paradoxie und Selbstreferenz im modernen Film.“
Nach der ersten Szene, ein hysterisches Pärchen überfällt ein Restaurant, stoppte Chrissi den Computer und Liedvogel erklärte, was alle gesehen, aber im feinen Detail eben doch nicht gesehen hatten. Denn Studenten sahen nun mal nichts, dazu brauchten sie die Augen eines großen Gelehrten. Erst der setzte ihnen Augen ein. Und wer sähe mehr und tiefer als ein deutscher Denker?
Zimmermann sah allerdings kaum etwas, dazu war ihm viel zu warm, zu wohlig, so dämmersüchtig zumute, so zum Gähnen gemütlich!
Vier Schüsse reißen seinen Kopf hoch. Aus tiefem Traum erwacht, kann er noch gerade sein letztes Traumbild mit in den Hörsaal herüberzerren: Charles Bronson mit Mundharmonika. Doch kein Mundharmonikaspiel-mir-das-Lied-vom-Tod im Hörsaal. Es ist ruhig im Saal und auf den Stufen. Eine entsetzliche Stille! So still wie nach den vier Schüssen in seinem Traum. Das Bild läuft nicht mehr, Liedvogel spricht nicht mehr. Einer liegt vor der Leinwand.
Ein Pistolenschuss zurück! Zimmermann träumte noch von Cowboys im Staube von Arizona oder Utah und Chrissi, ihre Hand noch auf der Maus, wartete noch auf den Wink von Liedvogel, als ihr Harry auf die Schulter tippte. „Was machst du danach?“ „Gleich, gleich, sei still!“
Sie drehte sich wieder um und blickte zu Liedvogel hinunter. Er winkte und dann knallte es aus der erhobenen Hand und der Mann ging zur Seitentür hinaus, durch die sie vor einer halben Stunde gekommen waren. Aber es war nicht Liedvogel, der gewinkt hatte und nun hinausging. Liedvogel lag vor der Leinwand.

Sonntag, 9. März 2014

Humorbeglücker! Bleibt mir vom Leibe!


Ich möchte nicht erheitert werden! Bitte, hört auf mich erheitern zu wollen. Ich bin anders heiter, bitte!
Ich halte mich für einen Menschen mit riesigen Humorquanten. Ich muss wohl Engländer sein.
Doch eines wird häufig nicht bedacht von Menschen, die mit Humor beglücken wollen: Er muss passen. Sonst wird das nichts, zündet nicht!

Aber es scheint fast unmöglich zu sein, einzusehen, dass mein Lachanlass, einem anderen nur ein ungläubiges Stirnrunzeln entlocken kann. Aber die Humorbeglücker versuchen es immer wieder. Der Glaube ein anderer könne doch eigentlich nicht anders ticken als man selbst, ist stark, ist nicht unterzukriegen, nicht auszumerzen. Ob der Gedanke bewusst gedacht wird, ich weiß es nicht, aber mir scheint, als wäre der Gedanke immerzu präsent.

„Die anderen können doch nicht anders sein. Ich lache, also ist der Anlass lustig, also müssen andere auch darüber lachen. Was ich lustig finde, ist an sich lustig.“
Ist es aber nicht! Was lustig ist, ist es nur für mich und für den einen oder anderen, der ähnlich ticken mag.

Und bitte, bitte keine Witze. Ich verzichte gern auf diese schale secondhand Heiterkeit.
Hier etwas, das ich nicht jedem unaufgefordert zuschicke, weil es an sich witzig wäre, sondern für mich. Ich finde es phantastisch. A good laugh with George Carlin!

George Carlin: I'm a modern man



Taten ohne Täter

Theo Kremer unterrichtet Englisch an einer Schule, an der erwachsene Schüler ihr Abitur nachholen. Theo gehört zum üblichen Zoo von Lehrern und ist gesegnet mit einem robusten Ego. Doch dann widerfahren ihm Dinge, die er nicht erklären kann.

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Samstag, 8. März 2014

Aufschieberitis (Teil 2)



Eine Erklärung fürs Aufschieben ist denkbar simpel. Solange ich den Artikel, die Rede, den Blogbeitrag, den Roman noch nicht geschrieben habe, solange kann noch alles gut werden. Bevor ich meine Fingerspitzen auf die Tastatur lege, bin ich Schopenhauer, Heine, Nietzsche und Thomas Mann in einem Genie zusammengerollt. Sobald ich jedoch die Finger von der Tastatur nehme, fühle ich mich wie ein Zeilenschinder, der Groschenromane am laufenden Band produziert.
Jeder Text ist so lange perfekt, bis wir mit dem Schreiben beginnen und schon mit der ersten Zeile beginnen die Mängel.

Eine Figur in Camus’ „Die Pest“ schreibt den ersten Satz seines Romans immer wieder neu, als würde sich alles von selbst fügen, wäre erst einmal der Einleitungssatz perfekt formuliert. Natürlich vermeidet er so die Feststellung, wie fehlerhaft und unausgegoren das ganze Projekt ist. Koeppen versprach über Jahre, ganz bestimmt, in einem Monat könne er sein Manuskript beim Verlag abgeben. Musil überarbeitete seinen „Mann ohne Eigenschaften“ so häufig, dass der Roman kein Ende bekam.

Schriftsteller stoßen beim Scheiben auf Hindernisse und Unmöglichkeiten, die sich nicht auflösen lassen. Trotzdem schreiben sie weiter und leben mit der Spannung und in der Hoffnung, dass die Leser die Lücken und Löcher nicht bemerken und freundlich gestimmt sind, sollten sie die Schwächen entdecken.

Schreiben bedeutet auch die Kontrolle aufzugeben, um zu sehen, wohin eine Idee, eine Geschichte uns führt. Und Schreiben heißt auch, sich über die eigene Kreativität zu freuen und nicht niederringen zu lassen von den eigenen Schwächen.
Das Aufschieben hilft uns also dabei, mit diesen Schwierigkeiten umzugehen. Jedes geschriebene Wort wird zum Test, welche Kunstfertigkeit man erworben hat und jeder Artikel bietet den Lesern die Möglichkeit, den Daumen zu senken oder zu heben.

Theoretisch würde ich jeden Tag schreiben. Heute muss ich produktiv sein, sage ich mir. Aber dann passiert etwas, das mich vom Schreiben abhält. Irgendwas passiert immer. Eigentlich weiß ich jeden Morgen, dass ich den ganzen Tag verbummele. Schließlich gibt es immer etwas zu tun: ein Besuch bei der Bank, bei der Post, unaufschiebbare Einkäufe. Habe ich das Internet schon erwähnt?


Nacktes Entsetzen

Die Sammlung beginnt mit vier schwarzen Erzählungen. Die nächsten fünf Geschichten werden zunehmend heller und humorvoller. 

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Freitag, 7. März 2014

Aufschieberitis Teil 1



Wie viele Schriftsteller. Ach, machen wir es eine Nummer allgemeiner: Wie viele Menschen bin ich ein Könner in der Kunst des Aufschiebens. Wird es besser mit der Zeit? Nein, fast habe ich den Eindruck, dass es schlimmer wird. Auf die übliche Klage möchte ich nicht verzichten: Wir leben in einer Zeit ständiger Ablenkung durch Tweets, Facebook, Google+ und E-Mails. Werden abgelenkt, von Flüchtigkeiten, die sich als Bedeutsamkeiten aufplustern. Bei all den wichtigen Trivialitäten, die ohne Unterlass heranströmen, ist es ein Wunder, dass ich, dass irgendjemand überhaupt etwas zustande bringt.

Ich habe jetzt beschlossen, die Sache von der Seite her zu sehen und sage mir zur Beruhigung: Das Aufschieben ist ein bedeutsamer Aspekt des Schreibvorgangs - und nicht nur für mich. Wie sonst könnte man erklären, dass immerzu Meldungen mit dem Motto hereintrudeln, warum Schreiberlinge die schlimmsten Aufschieber sind.


Der sich viral verbreitende Artikel „There’s no success like failure and that failure’s no success at all“ von Bob Zimmerman hat viele Schriftsteller nicht kalt gelassen - zumindest die Autoren, die ich kenne. Eigentlich ist das verwunderlich, denn im Artikel geht es weniger ums Schreiben als um die Bereitschaft zum Misslingen. Es geht darum, Risiken einzugehen und nicht davor zurückschrecken, sich lächerlich zu machen, wenn man Neues sucht. Und genau darum geht es ja auch beim Schreiben. Und deswegen kann die Aufschieberei ein wirkungsvolles und kreatives Instrument sein.


Ist es denn nicht Narretei, was wir tun? Wenn man darüber nachdenkt? Etwas aus Nichts zu schaffen, eine Geschichte zu spinnen und vom Leser zu erwarten, dass er seine Zeit hergibt, um mit uns ein Hirngespinst zu teilen, einen Traum, ein Gespräch, den Augenblick zu ergreifen, bevor er entschlüpft. In jedem Krimi, auch in meinen, wird der Leser dazu genötigt, wenn nicht seinen Verstand abzugeben, dann doch bereitwillig seine Skepsis beiseitezulegen.


Viele Schriftsteller werden dann doch irgendwie fertig, wenn der Abgabezeitpunkt heranspringt. Ihre Angst nichts zu haben, ist so groß, dass sie die Angst akzeptieren, nur Mist vorlegen zu können.


Und noch etwas speist die Aufschieberei. Das Aufschieben ist ein notwendiger Teil des Tuns, ist eine Art, mit dem Unbehagen umzugehen, wenn wir unsere gefolterte Seele auf eine Seite spannen. Die Aufschieberitis ist eine Strategie (unbewusst oder auch nicht), um Furcht und Feigheit zu mildern.


Fortsetzung folgt


Die letzte Lektion (Krimi)

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Mittwoch, 5. März 2014

Bücherwurm


Ist doch interessant, dass es im Englischen für diese mythologische Kreatur den gleichen Namen gibt. Die Bohrschnauze des Bücherwurms muss man sich vorstellen wie einen Bohrer mit scharfen Zähnen. Die Rüsselschnauze ist nicht spitz wie bei einem Bohrer, sondern die Bohrschnauze ist abgeflacht, etwas dicker als eine Stecknadel. Auf der Fläche sitzen sehr feine, sehr scharfe Mikrozähne. Nicht wie ein Bohrer, der sich in eine Richtung dreht, verfährt der Bücherwurm. Sein Bohrrüssel dreht sich mit ungeheurer Geschwindigkeit abwechseln nach links und rechts, so dass die gleiche Wirkung entsteht wie bei einem Bohrer der nur eine Drehrichtung kennt.

Die feinen Hobelschnipsel werden beim Bohren eingesaugt und nach genau 24 Stunden ausgeschieden. In den Papierschnipseln sind fast keine Nährstoffe enthalten, weshalb es niemals mehrere Bücherwürmer in einem Buch gibt. Täglich benötigen sie 25 Kubikzentimeter Pappe und Papier, um sich zu ernähren. Bücherwürmer schlafen niemals, was nicht am Stoff liegt, den sie durchdringen, sondern daran liegt, dass sie alle Zeit dazu benötigen sich zu ernähren.


Es gibt Ausnahmen. Leichte Lektüre ist verdaulicher und so haben die Bücherwürmer in seichten Werken schon mal genug Zeit sich auf eine oder auf zwei Stunden mit dem Stoff auseinanderzusetzen. Da sie jedoch exquisiten literarischen Geschmack besitzen, halten sie sich nicht lange beim Trivialen auf, sondern fressen sich lieber einen Wanst an, denn nur sie haben danach die Chance, den Weg zu einem neuen Buch zu finden. Die Geschöpfe, die mit einem schweren Werk abschließen, sind in der Regel so geschwächt, dass sie nicht in der Lage sind, sich auch nur wenige Zentimeter bis zum nächsten Buch zu schlängeln, weil sie auf dem Weg verhungern.
Leichte Lektüre nährt den Bücherwurm also bei Weitem besser als knochentrockene Philosophie. Und also wagen wir am Ende einen philosophischen Satz: Das Leben liebt die Leichtigkeit.










Nacktes Entsetzen (9 Erzählungen)

Thomas’ Frau verlässt ihn im Streit, um einen Dokumentarfilm im Rotlichtmilieu zu drehen. Ein neues Aktmodell posiert für Thomas. Aus diesem Arbeitsverhältnis entwickelt sich für Thomas ein Albtraum aus Misstrauen, Verdächtigungen und Paranoia.

Neun Erzählungen über Liebe, Rache, Abhängigkeit, Fernsehen und Fußball.

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Samstag, 1. März 2014

Der Messie


Letzte Nacht kam der Messie von nebenan mit einem Einkaufswagen voller Milchflaschen nach Hause. In den Flaschen war eine gelbliche Flüssigkeit. Wahrscheinlich dachte er, niemand hätte ihn gesehen, als er ins Haus huschte wie eine Ratte.
Kurz darauf hörte ich Flaschenklirren, als er in seinen vollgestopften Räumen Platz suchte. Nach einer halben Stunde stoppte das Scheppern von Glas. Dicke Stille legte sich wie eine schwere Decke über die Nachbarschaft.
Als ich aus dem Fenster schaute, glühte sein Wohnzimmer hinter den Scheiben warm und golden, als würde er Engel verbrennen.
Ein mächtiger Drang packte mich. Ich wollte die Quelle des dichten gelben Lichtes sehen. Also eilte ich aus der Hintertür, um einen Blick in das Zimmer des Messies zu werfen. Ich wollte wissen, woher das himmlische Glühen kam. Jetzt bin ich blind.














Theo Kremer unterrichtet Englisch an einer Schule, an der erwachsene Schüler ihr Abitur nachholen. Theo gehört zum üblichen Zoo von Lehrern und ist gesegnet mit einem robusten Ego. Doch dann widerfahren ihm Dinge, die er nicht erklären kann.

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