Heine: (beendet ein Gedicht mit Begeisterung) „Trägt nach einem Schal Verlangen / Deine Frau, so kauf‘ ihr zwei; / Kauf‘ ihr Spitzen, gold’ne Spangen, / Und Juwelen noch dabei.
Grimm: Exzellent, exzellent! (applaudiert kurz) Ihr Gedicht über die Frauen verrät den Kenner. Würden Sie veröffentlicht, Sie würden als Sensation einschlagen. (Pause) Noch ein Tässchen Tee, Tässchen Tee?
Heine: Nein, vielen Dank, Grimm. (Er zieht etwas aus seiner Tasche.) Aber vielleicht möchten Sie ein bisschen davon?
Grimm: Was ist es?
Heine: Ich bin mir nicht sicher. Eine Tinktur gegen allerlei. Trakl hat sie mir zum Probieren gegeben. Ist eine Art von mildem Lockerungsmittel. Er meinte, er könne es gar nicht genug loben. Er nennt es „Honigtau“. Oder „Paradiesmilch“. Ist auch gut gegen Durchfall.
Grimm: Nicht für mich, für mich, danke schön Herr Heine. Ich bin zufrieden.
Heine: Ach, ich nehm ein Tröpfchen. Das Leben ist doch ein Elend, wenn die Welt ihre Augen schließt vor unserer Größe. Alles erinnert mich an meine Fehlschläge, Grimm, ganz besonders dieser Workshop. Und dennoch, du weißt, dass ich mal geschrieben habe: „Liebe dein Schicksal!“. Ja, ich will ein wenig an dieser Tinktur nippen.
(Er trinkt etwas)
(Wir sind jetzt bei Frau Schwanenfeder und Herrn Goethe)
Schwanenfeder: Dann vielleicht etwas Schwarzwälderkirschtorte?
Goethe: Nein, danke!
Schwanenfeder: Nein? Nun gut, ich denke wir sollten mal weitermachen (Sie schaut sich um, dann lauter) Sind alle da? Wo ist Herr Nietzsche? Und Herr Droste?
Grimm: Sind vor ein paar Minuten rausspaziert. Um sich den Sonnenuntergang über der Pader anzuschaun, sagten sie, glaube ich. Hand in Hand, wenn ich mich recht erinnere, Hand in Hand.
Schwanenfeder: Wirklich, Herr Grimm? Herr Droste ist solch ein exzentrischer junger Mann. Herr Nietzsche ist kauzig auf seine Weise.
Heine: Nietzsche ist ein ätzendes Monster, eine Schlange, nein, wie ein Adler mit einem Giftschnabel. Aber keine Sorge, bin mit von Papen fertig geworden und so werde ich auch dem philosophierenden Hammer beikommen.
Schwanenfeder: Und doch ist er eine faszinierende Figur, Herr Heine, und ein echter Romantiker.
Heine: (Ein bisschen wild, das Laudanum wirkt) Romantiker? Nietzsche? Mit seinem scharfen Scheitel und gewachstem Schnurrbart? Nietzsche, der über die Romantiker sagt, sie drohten am „Wiederkäuen sittlicher und religiöser Absurditäten zu ersticken“? Der Riesenschnauzer ein Romantiker? Ich, ein Impulswesen wie ein Schmetterling oder wie eine beseelte Wolke, ich bin ein Romantiker, Freund des Mondes, Bruder des Regentropfens, Cousin des Wasserfalls. (Er gähnt.) Weißt du, Grimm, ich nehme noch einen Tropfen von Trakls Tinktur. Willst du wirklich nicht?
Grimm: Nein, besten Dank, mein Freund. Ich bin ganz zufrieden mit meinem Tee und dem Streuselkuchen, dem Streuselkuchen. Vielleicht ein Löffel Honig in den Tee.
Heine: (Gähnt ausgelassen) Ich mach das Fläschchen dann leer.
Fortsetzung folgt
Die letzte Lektion (Krimi)
Lehrer werden in die ewigen Ferien geschickt.
Ein Krimi mit Humor. Der Mörder wartet nicht, bis ein Lehrer aufzeigt. Im Nu sind einige Lehrer in die ewigen Ferien verabschiedet worden. Warum gerade Lehrer? Stimmt, Bankmanager hätten es auch getan, aber es sind halt Lehrer geworden. Und wer hätte nicht einen Pauker im Keller seiner grausamsten Fantasien?
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Das hatte jetzt alles keine Bedeutung für ihn: die Blicke seiner Mannschaftskameraden im Nacken, das silbrige Rechteck, der Flieger am Nachthimmel über dem Tribünendach, die Anfeuerungsrufe, das anschwellende Buhen der Gegner, die gähnende Hitze in der Stadionschüssel und auch nicht die Gestalt dort im Tor. Nun palaverten die Reporter über den langen Weg, doch kurz war der Weg vom Mittelkreis bis zum Elfmeterpunkt. Ihr fiebert im Wahn, ihr da oben und ihr Millionen vor den Fernsehschirmen. Alle meinen dieser Gang sei etwas Besonderes. Aber er spulte doch nur dieses Programm ab, alles war komplett automatisiert. Die fürchterlichen Möglichkeiten existieren nur in euren Köpfen. Nicht in meinem. Dichtmachen, überhaupt nichts mehr mitbekommen, egal ob sie anfeuern oder ausbuhen. Auch nicht die Faxen des Torhüters. Mach du nur deinen Hampelmann auf der Torlinie. Er marschierte mit leichten Schritten und erhobenem Kopf. Sein Mund war trocken nach dem Spiel und elf Strafstößen. Er saugte Spucke tief aus der Kehle. Dieser eine Schuss wog mehr als sämtliche Schüsse zuvor. Sieg oder Niederlage. Er merkte gar nicht, dass er weiterging, war überrascht, ungläubig. Die Beine taten ihre Schuldigkeit, seine Gedanken zurück in die Kindheit. Elfmeterschießen. Kein Blick zu seinem Vater am Spielfeldrand und doch hörte er ihn: Verantwortung übernehmen. Wenn nicht du, wer dann? Deswegen hatte er geschossen, wie er in wenigen Sekunden schießen würde. Mit seiner Rechten verscheuchte er eine Mücke. Es gab Menschen, die dachten Fußball sei eine Frage von Leben und Tod. War in Wirklichkeit natürlich wichtiger.
Gelassen, ruhig durchatmend, sprang er in eine leichte Grätsche, schwang beide Arme seitlich hoch und klatschte über dem Kopf in die Hände. Nur locker bleiben. Zwei von Fünfen hatte er schon gehalten. Nun den dritten und die Sache war gebongt. Verlieren konnte er nicht, nicht beim Elfmeterschießen. Kenner und Fußballkäuze meinten der Torwart stecke dabei im dicksten Schlamassel. Tat er nicht. „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, gab es die wirklich? Der Schütze hatte Angst, nicht der Tormann. Schulde ihm einen Teil meines Ansehens, dem arglosen Schreiberling. Kennt ja nur den kleinen Applaus von Gehemmten. Weiß nichts vom Glücksgefühl, wenn nach dem gelungenen Sprung in die Ecke das Stadion überschäumt. Wenn er den Ball aus dem Winkel fischte, war er der Held, und Held war er selbst dann, wenn der Schütze den Ball in die Wolken wuchtete. Er konnte sogar in die falsche Ecke hechten und wurde noch immer nicht als Versager beschimpft in diesem ungleichen Zweikampf. Eigentlich flog der Ball viel zu schnell fürs menschliche Reaktionsvermögen. Seinen Flug zu stoppen, bevor das hilfreiche Netz ihm die Aufgabe abnahm, war nicht nur eine Anomalie, sondern eine ganz normale Unwahrscheinlichkeit. Wie die Liebe! He, ihr da oben im Oberstübchen, Ruhe jetzt, hört auf zu zwitschern. Da schleppt er sich zum Elfmeterpunkt, wedelt er sich auch noch Luft zu. Sie hatten keine Chance, hatten schon mit der Reihenfolge der Schützen einen Fehler gemacht.
Dort war auch schon der Punkt, nicht mehr weiß und rund, nur noch ein dreckiger Fleck nach elf Schüssen. Der Torhüter schlug klatschend die Hände zusammen. Nein, das Tor war nicht klein, es war groß, klein war der Torwart, nicht groß. Er blickte dem Faxenmacher in die Augen und empfand leichten Schwindel. Die Masse auf der Tribüne verlaufende Farbe. Er blickte zurück. Da hinten standen sie in einer Reihe, Arme über Schultern. Es ging um Millionen für ihn und für die dahinten. Und es ging um sein Land. Um die Ehre, jetzt nur nicht laut lachen. Nein, jetzt geht es um mich, um Treffen oder Verschießen, um Sieg oder Niederlage, du oder ich. Er musste treffen, Heike saß auf der Tribüne mit seinem Sohn. Er nahm den Ball, drückte ihn gegen seine Brust und legte ihn in die Mitte des dreckigen Flecks. Nein, zu tief, will nicht in die Erde hacken. Er rückte den Ball einen Zentimeter nach rechts. Ja, liegt nun ideal. Moment, die flache Stelle ist besser. Wieder bückte er sich und legte den Ball nun auf den vorderen Rand des Elfmeterpunktes. Bescheuerter Schiedsrichter, rollte mit seinem rüden Stiefel den Ball einfach zurück, ohne sich weiter um seine Lage zu kümmern. Also noch mal. Abermals legte er den Ball auf die plane Stelle und streichelte ihn zum vierten Mal, nur verstohlener. Immer sachte, dann klappt’s. Schon wieder sein Vater.
Er warf die Flasche in die Ecke des Tors und federte aus den Knien heraus hoch über die Latte greifend. Und nun noch mal das Video. Auf einem Bildschirm hinter seinen Augen sah er den Spieler anlaufen. Der Fuß des Standbeins zeigte in die linke Ecke. Und noch einmal. Dieses Mal zeigt der Fuß des Spielers in die rechte Ecke und schon ist er dort. Egal was dem da im Leben sonst noch zustoßen mochte, dieses Bild wird sich einbrennen, wie ich hier stehe, breitbeinig und grinsend, dieses immer fetter werdende X, das fast schon das ganze Tor ausfüllt. Immer wird er sich an meine Augen erinnern und an die blitzenden Pfosten, die ich schon fast greifen kann. Und an das schwarze Netz wird er sich erinnern, vielleicht sogar an die wilden Worte seines Trainers. Das sei doch keine Trauerveranstaltung, welcher Idiot von einem Funktionär auf die Idee gekommen sei, schwarze Netze hinter die Tore zu hängen. Und nun bin ich die behände Spinne, die ihr undurchlässiges Netz zwischen die beiden Pfosten gespannt hat, unsichtbar. Da, er hat es erspäht. Nur ganz oben rechts im Winkel habe ich ihm eine Lücke gelassen. Mein Angebot. Wo wäre sonst der Spaß?
Immer wird er sich an meine Riesenhände erinnern und die roten Schuhe und die Blutschramme auf meiner Wange und an das Tosen danach. Er begreift meine Ruhe nicht. Ja wie auch! Wie könnte der Versager ahnen, dass ich seinen künftigen Albtraum kenne?
So, sachte und ruhig. Nun ganz entspannt, noch ein Blick in den rechten Winkel und einen in die linke untere Ecke. Dann gemächlich umdrehen. Hoeness, lass mich in Ruh! Nicht an die Zukunft denken. Ich weiß, ich weiß, wenn ich ihn schlimmer vermurkse als du 1976, dann brauchst du dich nie mehr zu schämen. Meine Schande wird alles Frühere überdecken mit tausend gestochen scharfen Bildern. Was sind dagegen die ewig wiederkehrenden aus jener verwischten Zeit? Knallte einer von uns mal wieder so einen Auf-Leben-und-Tod-Ball in die internationalen Wolken, wurde die Wunde Hoeness erneut aufgerissen. Niemals geben sie Ruhe. Mit aller Macht drängte sich ihm das Wort „Wolkenkratzer“ auf, Fragment der morgigen Schlagzeile in der blöden Zeitung. Schon wieder die Stimme seines Vaters: Denk dran, bevor du anläufst, konzentriert auf den Boden schauen und zählen: 21, 22, 23… Und die Krankenhauseinlieferungen stiegen um 27 Prozent. Mit Herzinfarkten war zu rechnen, unter den Männern. Frauen reagierten gelassener.
Noch fünf Sekunden. Jetzt Spannung aufbauen für den Sprung. Auf die Fußstellung seines Standbeins beim Schuss achten. Die Stellung des Fußes verriet die Schussrichtung, war alles nur eine Frage der Wahrnehmung. Anschließend auf die Knie fallen und die Hände zum Himmel. Dank, Erlösung! Der Rest wird Geschichte und Legende. Erhaben, einsam, unbeteiligt, so schreitet der Held des Fußballtors durch die Straßen, verfolgt von hingerissenen kleinen Jungs. Die andern sind Team, sind Kollektiv. Die Eins ist Gegenstand verzückter Verehrung. Mein Trikot, meine Baseballmütze, die Handschuhe, die aus der Gesäßtasche meiner kurzen Hose schauen, heben mich von der übrigen Mannschaft ab. Ich bin der Einsame, der Geheimnisvolle, der letzte Verteidiger.
Kurzer oder langer Anlauf, das war die Frage. Vorher schauen sie sich immer Videos an. Achten auf jede Bewegung, in welche Ecke wir schießen. Kennen jede Geste besser als man selbst. Wenn ich alles so mache wie üblich, springt er in meine todsichere Ecke. Aber da liegt der Hase im Pfeffer. Er wird vermuten, dass ich alles genauso wie immer mache und in meine ungeliebte springen, weil er mir unterstellt, dass ich weiß, dass er weiß. Nee, nee, mein Freund, den Gefallen tu ich dir aber nicht, ich schieße in meine todsichere, weil du meinst, ich würde in die andere schießen. Doch wenn er nun meint, ich würde in meine Lieblingsecke schießen, weil ich ihm unterstelle, dass er mir unterstellt, ich würde in meine ungeliebte Ecke schießen. Moment mal, wer unterstellt jetzt wem was?
Er dreht sich um, hat den langen Anlauf gewählt. Schießt also mit dem Hammer. Oder er hält auf halbem Wege inne, hoffend ich würde schon springen. Dann schiebt er den Ball aufreizend langsam in die freie Ecke. Nicht mit mir, mein Freund. Habe das Märchen unter die Medien gestreut, würde mir jeden Elfer eine Million mal auf Video ansehen. Haben sie gern, haben was zu dichten, die Idioten. Und verunsichert die Schützen. Ich springe erst, wenn der Fuß deines Standbeins mir die Richtung des Balles erzählt. Auf den geschossenen Ball reagieren geht nicht. Der ist in 51 Millisekunden hier, so schnell springt kein Mensch. Aber das Standbein und die Stellung der Hüfte verraten mir die Flugbahn. Worauf wartet der noch, los lass gehn!
Wie schießen? Mit der Seite schieben oder den Torwart mit ins Netz ballern. Wie Messi gestern gegen Italien. Täuschte an und verheimlichte, wohin er seinen Siegesstoß senden würde. Wickelte seinen Fuß im letzten Moment um den Ball. Der Torhüter als dummer Junge in der falschen Ecke. Wie käme das an? Mit einem Trippelschritt den Anlauf verzögern. Der nasse Sack da plumpst auf die Linie und ich tippe den Ball ganz beiläufig mit der Fußspitze an, dass er in die leere Ecke hoppelt, in die mit groteskem Krabbeln der Kerl vergeblich zu kommen sucht. Wie sie meine Kaltschnäuzigkeit preisen werden.
Aha, er trippelt sich locker auf der Stelle. Gleich wird er zum Helden, aber zum tragischen. Ist ja eigentlich von Vorteil den Ball ordentlich zu versemmeln. Die Elfmeter-Versager sind es, Hoeness, Baggio, Beckham, die erinnert werden, viel mehr als die erfolgreichen Schützen. Also mach’ dir einen Namen, treib die Pille übers Tribünendach. Damit schlägst du dauerhaft in die Zuschauerköpfe ein.
Vor zwei Jahren gebrochen und jetzt war er wieder kalt und taub, verfluchter Zeh. Egal! Ein Schlenzer halb hoch in die Ecke gesetzt, dicht an den Pfosten. Da kommt er nicht dran. Mache das wie nach dem Lehrbuch, entscheide nicht im letzten Moment, sondern jetzt.
Er lächelte. Dem zweiten Schützen hatte er zugeraunt, komm lass uns wetten. Ich setze meinen BMW. Was hältst du dagegen? Um den Mund herum hatten bei dem spöttische Falten gezwitschert, aber die Pupillen waren blass geworden vor Angst.
Kam jetzt nur auf die Härte des Schusses an. Wie lange kann ich eigentlich warten, bevor mich der Schiedsrichter ermahnt? Ich warte, bis der einen Krampf kriegt in seiner Lauerstellung. Aber je mehr Wucht ich in den Schuss lege, desto schwieriger ist die exakte Platzierung. Ein ehernes Gesetz des Fußballs. Und meinem Sohn flattert nach einem Vierteljahrhundert noch die Erinnerung in den Schoß. Niemals gaben sie Ruhe.
Dann war es still. Nur sein Herz schlug noch im Ohr. Niemals werden sie vergessen, wie ich den Ball, schon geschlagen, mit den Füßen aus dem Tor trete. Habe mich zwar in die falsche Ecke schicken lassen, doch mit dem Geschickten ist das Glück. Auf!
Die Hauruckmethode war absolut sicher. Nur keine Rückenlage und Flugzeug vom Himmel holen. Sein Sohn sollte es mal erzählen können: Vater, Elfmeter, Tor.
Den vierten Schützen hatte er gefragt, hast du schon mal auf eine Bananenschale getreten? Das Gesicht! Siehst du denn nicht all die Bananenschalen, die um den Punkt herumlungern und dir zugrinsen?
Nicht länger konnte er der Stille standhalten, warf seinen Oberkörper nach vorn und auch die Beine folgten, waren ganz leicht jetzt, ging alles ganz schnell jetzt. Nun endlich Leere da oben.
Er läuft an. Die Stellung des Fußes, der Hüfte. Ach was, noch einen Schritt, dann fliege ich in meine Lieblingsecke.
Warum springt er denn nicht. Spring endlich! Mach die Ecke frei! Dann knackender Schmerz im Knöchel des Standbeins. Und doch! Schnurstracks wie am Schmerzpfeil entlang fliegt der Ball in die angewiesene Richtung. Der Ball, die Latte, die Linie…
Da kommt der Ball, ist schon da. Wenn nur die Schwerkraft nicht wäre. Scheiße, zu hoch, viel zu hoch, so was hältst du nur mit der freundlichen Unterstützung des Schicksals — der Latte.
„Tor!“, brüllte er. Und noch zweimal: „Tor!, Tor!“
Alle Zuschauer hatten die Hände ganz oben im Himmel, aber nur die eine Hälfte jubelte: „Tor! Tor!“ Der Torhüter schüttelte den Kopf, schaute zum Schiedsrichter und sagte: „Linie!“ Und irgendwo fragte ein Reporter leise: „Hat das denn nie ein Ende?“
Curry, Senf und Ketchup (Krimi)
Ein Universitätsprofessor wird ermordet, ein Neonazi und eine Politikerin. Was verbindet die drei? Und ein Fußballtrainer wird verdächtigt.
Droste: Eigentlich nicht, Friedrich, doch dank ich dir.
Nietzsche: Nicht? Aber für mich, ist doch recht? (Schüttet den Schnaps runter mit einem Schluck) Ah, Labsal! Aber nimm doch ein Schlückchen, meine Liebe. Bitte! Solch ein Angebot abzulehnen könnte ich als Beleidigung auffassen. Du trittst meine Großzügigkeit in den Dreck.
Droste: Ach nein.
Nietzsche: Komm, wir heben die Gläser, öhm, die Tassen auf deine Leistung, deine „Judenbuche“.
Droste: In dem Fall, aber nur ein Tröpfchen.
Nietzsche: Gut!
(ein kurzes Plätschern und ein längeres)
Nietzsche: Auf „Die Judenbuche“.
Droste: Auf „Die Judenbuche“.
(Sie trinken. Droste schnappt laut nach Luft, ist kaum in der Lage zu sprechen)
Droste: Köstlich.
Nietzsche: Bist du verheiratet, Annette?
Droste: (noch immer dabei sich vom Schnaps zu erholen) Nein.
Nietzsche: Ausgezeichnet. Hast also den Eheknoten vermieden? Die Eheschlinge, die das Verlangen erdrosselt und den schönen Augenblick tötet. Auch ich bin unverheiratet — nun …
Droste: Nun ja, ich lebe allerdings mit einem Mann zusammen. (Pause) In Sünde sozusagen.
Nietzsche: Wirklich?
Droste: Nicht wirklich in Sünde um ehrlich zu sein. Levin Schücking ist ein guter Mann, aber zum wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtsorgane ist es noch nie gekommen. Grüße am Morgen — natürlich, Händeschütteln zur Nacht, liebevolle Blicke an Geburtstagen, leidenschaftliche Diskussionen über soziale Probleme, nicht mehr. So wollen wir das, oder zumindest will er es so.
Nietzsche: Ach nein, so eine anziehende Frau mit überragendem Geist und solch bezaubernden Locken. Welcher Mann kann dir widerstehen? Genie mit Intelligenz und Verlockung gepaart, was sonst könnte man sich wünschen?
Droste: (sehr geschmeichelt) Genie, Intelligenz und Verlockung, Herr Nietzsche, Friedrich!
Nietzsche: Warst du schon mal in Italien? Zum Beispiel in der Nähe von Portofino — dort, wo die Bucht von Genua ihre Melodie zu Ende singt?
Droste: Nein, leider nicht. Habe Deutschland noch nicht verlassen, wohl habe ich eine Menge von Ostwestfalen gesehen und den Bodensee kenne ich ganz gut. Ich schätze, mein Leben war recht beschränkt bisher.
Nietzsche: Aber hast du dich nie nach dem Süden gesehnt? Nach Venedig, wo jüngst ich in brauner Nacht an der Brücke stand. Fernher kam Gesang: goldener Tropfen quoll’s über die zitternde Fläche weg. Gondeln, Lichter, Musik trunken schwamm’s in der Dämmrung hinaus.
Droste: Friedrich, du bist ja ein …
Nietzsche: Ich weiß, ich weiß, der klügste außerdem.
Droste: Ja, ich interessier mich wohl mehr für die Lebensverhältnisse der Landarbeiter im Münsterland — ihrer Kinder Bedürfnis nach Schulbildung und der Weiber bitteren Kampf gegen Hunger und Gewalt.
Nietzsche: Weiber und Kinder und Landarbeiter? Ach was, lass uns Venedig genießen und das Glück des Nachmittags — wenn unsere Augen auf ein weites, flimmerndes Meer blicken, wo Schiffe wie ungeheure Schmetterlinge über die zitternde Haut laufen. Ja! Über das Dasein hinwegtanzen! Das ist es. Das wäre es! (Er seufzt)
Droste: (Begeistert) Wie du das sagst Friedrich, klingt es sehr verlockend.
Nietzsche: Sei verlockt, meine liebe Annette. Komm mit mir nach Italien. Jetzt gleich!
Droste: Das geht nicht, Friedrich. Mir fehlt die Wäsche. Und außerdem gibt es noch Herrn Schücking.
Nietzsche: Dann lass uns zumindest morgen darüber reden. Wenn nicht, wollen wir uns hier mit einem „Lebewohl“ verabschieden. Ich werde im Balthasar zu finden sein. Morgen gibt es Rehrücken zum Mittagessen. Ein bisschen plaudern, nicht mehr. Ich werde dir von boshaften abendlichen Sonnenblicken erzählen, von dieser zarten Meereshaut, an der ich mich gar nicht sattsehen kann: es gab nie zuvor eine solche Bescheidenheit der Wollust wie meine, Annette. Meine Wintereinsamkeit ist vorbei, die Glut in deinen Augen hat mich von mir selbst erlöst — wie ein Gletscher gleite ich den freigewordenen Pfad meines Schicksals hinab. Komm mit mir, meine glühende Mitternachtssonne, die niemals untergeht. Wärme dieses vereiste Herz, schmelze diese eisblauen Augen zu Tränen. Du bist meine Muse und deine bin ich. Mehr erwarte ich nicht, meine unvergleichliche Annette, denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit.
Droste: (sprachlose Überwältigung) Oh, Friedrich!
Nietzsche: Noch einen Schluck Williams Birne?
Droste: Ja, bitte!
(Geräusch von gurgelnder Flüssigkeit, Ausblendung und wir sind wieder bei Grimm und Heine)
Fortsetzung folgt
Die letzte Lektion (Krimi)
Lehrer werden in die ewigen Ferien geschickt.
Ein Krimi mit Humor. Der Mörder wartet nicht, bis ein Lehrer aufzeigt. Im Nu sind einige Lehrer in die ewigen Ferien verabschiedet worden. Warum gerade Lehrer? Stimmt, Bankmanager hätten es auch getan, aber es sind halt Lehrer geworden. Und wer hätte nicht einen Pauker im Keller seiner grausamsten Fantasien?
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Nietzsche: Ach, Ihr Agent hat Ihnen auch geraten hier her zu kommen?
Droste: Ja, Herr Nietzsche.
Nietzsche: Und, bei wem sind Sie, Herr Droste?
Droste: Roxel und Meersburg in Münster. Und Sie?
Nietzsche: Gersdorf und Burkhard in Basel. (Er trinkt Tea.) Wie sehr gefällt Ihnen mein Zarathustra?
Droste: Überwältigend und erhebend. Mit dem Buch haben Sie der Menschheit das größte Geschenk gemacht. Ihr Zarathustra ist das eigentliche Höhenluft-Buch mit einer Stimme über Jahrtausende hinweg, ein unerschöpflicher Brunnen, in den kein Eimer hinabsteigt, ohne mit Gold und Güte gefüllt heraufzukommen.
Nietzsche: (erfreut) Zu freundlich.
Droste: Noch Tee, Herr Nietzsche?
Nietzsche: Nein danke. Mir gefällt ihre kleine Erzählung. Stark, männlich, kühn, kraftvoll, geradeheraus und konsequent.
Droste: (Erleichtert und erfreut) Meinen Sie wirklich? Herzlichen Dank für die gefälligen Worte. Um ehrlich zu sein Herr Nietzsche, ich habe die „Judenbuche“ vorher noch niemandem gezeigt. War mein gehütetes Geheimnis.
Nietzsche: Ach, was Sie nicht sagen.
Droste: (in nachdenklicher Stimmung) Als Kind habe ich nur heimlich geschrieben. Mein Vater war ein knorriger Westfale und hatte nichts übrig für Schöngeistiges, jedenfalls nichts außer Hohn und Spott. Ein Privatlehrer sollte meinen flattrigen Geist zügeln. Heimlich habe ich aber weitergeschrieben und in einer meiner Erzählungen aus der Zeit habe ich das häusliche Netzwerk von Heuchelei, Schikane und Grausamkeit enthüllt. Den ganzen faulen Kern religiöser Spökenkiekerei, den tausendmal verfluchten religiösen Hokuspokus, inszeniert vom Kapital fürs blöde Volk.
Nietzsche: Ich verstehe, Sie sind Marxist?
Droste: Wie? Marx? Wer soll das sein? Seit kurzem gehe ich viel freier um mit meinem erzählerischen Werk. Allerdings, verblendet wie sie nun mal sind, hat bisher noch kein Verleger Interesse an meinen Romanen gezeigt — nicht an „Franz Mohr“, nicht an „Die Mühle am trocknen Bach“ und auch nicht an „Die Moorleichen“. Doch „Die Judenbuche“ ist solch ein ehrgeiziges Projekt, robuste Themen, derbe Charaktere und bestrickende Handlungsführung — oft habe ich gezweifelt, ob ich der Aufgabe gewachsen wäre. Die Anstrengung hat mir häufig genug die Tränen in die Augen getrieben. Aber nun — solch eine Ermutigung zu bekommen von einem Mann, der dreitausend Meter über den Menschen lebt. Das entschädigt für alle Mühsal. Ich bin äußerst dankbar, Herr Nietzsche.
Nietzsche: Ich heiße Friedrich, bitte nennen Sie mich Friedrich.
Droste: Danke, gern.
Nietzsche: Nun, wie im Oktober, Monat meiner Geburt übrigens, gibt es auch bei mir atmosphärische Turbulenzen. Eben das war so ein Herbststurm, aber es gibt auch Perioden
mit lauen Lüften und mildem Licht. (Pause) Und ich hoffe, ich darf Sie Ludwig nennen.
Droste: (unüberlegt mit weiblicher Stimme, so spricht sie, bis sie wieder in der Gruppe ist) Mir wär es lieber, Sie würden mich Annette nennen.
Nietzsche: Wie, wie bitte. Annette, das ist ein …, ich verstehe, du bist transsex … Moment, du willst damit sagen, du bist eine Frau.
Droste: (Flüsternd) Ja.
Nietzsche: Ja natürlich, das erklärt die Erscheinung: deine Stimme, deine Kleidung, die Locken — gar nicht zu erwähnen gewisse hevorschwellende Rundungen. Was ich jetzt offenbare, muss aber unter uns bleiben, denn für eine Weile dachte ich daran mich Diotima Salome zu nennen. Ich weiß gar nicht warum. War ein gewaltiger Drang, der mich übermannen wollte, der aus meinen Eingeweiden hervorquoll, aus den gärenden Windungen meiner Gedärme. Du kennst das Gefühl?
Droste: Ludwig Droste ist mein Künstlername, damit niemand bemerkt, dass ich eine Frau bin. Du wirst mein Geheimnis doch nicht preisgeben?
Nietzsche: Kein Wort, ich versprech es. Meine liebe Annette, zwei vom gleichen Geist beseelte, das verlangt nach spiritueller Beflügelung. Hier habe ich ein Fläschchen mit flüssigem Birnengeist. Ist eine Spezialität aus dem Wallis, rein wie die Raserei, hart wie das Schicksal, überraschend wie die Rache. Da, ich fülle deine Tasse.
(Geräusch von gluckernder Flüssigkeit)
Fortsetzung folgt
Die letzte Lektion (Krimi)
Lehrer werden in die ewigen Ferien geschickt.
Ein Krimi mit Humor. Der Mörder wartet nicht, bis ein Lehrer aufzeigt. Im Nu sind einige Lehrer in die ewigen Ferien verabschiedet worden. Warum gerade Lehrer? Stimmt, Bankmanager hätten es auch getan, aber es sind halt Lehrer geworden. Und wer hätte nicht einen Pauker im Keller seiner grausamsten Fantasien?
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Schwanenfeder: Ein Stück Streuselkuchen, Herr Goethe?
Goethe: (nachdrücklich) Nein, nein danke!
Pause
An einer anderen Stelle
Grimm: Kaffee, Herr Heine? Kaffee?
Heine: Ja, gern.
Grimm: Milch, Milch?
Heine: Nein, danke.
Grimm: Ein hysterischer Kerl, dieser Nietzsche.
Heine: Überschätzt sich und seinen Zarathustra über die Maßen. Dieser gesicht- und gestaltlose Unhold und Flügelmann Zarathustra mit der Rosenkrone des Lachens auf dem Haupt und seinen Tänzerbeinen ist keine Schöpfung, er ist Rhetorik, erregter Wortwitz, gequälte Stimme und zweifelhafte Prophetie, ein Schatten von hilfloser Grandezza, oft rührend und allermeist peinlich — eine an der Grenze des Lächerlichen schwankende Unfigur.
Grimm: Tiefe, Tiefe hat er ja der Deutsche, aber gepaart mit Humor und Leichtigkeit, fast etwas Unmögliches für einen Deutschen, Herr Heine. Zucker?
Heine: Ja bitte, sieben Stücke.
(Zuckerstücke plumpsen in den Kaffee.)
Heine: (schlürfend) Na ja, nicht zu vergleichen mit dem Kaffee, den mir meine Mathilde braut. Sind Sie verheiratet, Grimm?
Grimm: Oh ja, meine Frau Dorothea ist reine Inspiration, ist Halt und Märchenfee für mich. Und wie sie sich um meinen Freund von Platen kümmert, mit welchem Verständnis, nachdem ihm so mitgespielt wurde.
Heine: Vielleicht sogar mit zu viel Verständnis?
Grimm: Aber nein Herr Heine, von Platen ist mir ein warmer Freund, wirklich warmer Freund.
Heine: Sie meinen, er ist?
Grimm: Ja, er ist.
(Sie nehmen jeweils ein Stück Kuchen, trinken und kauen.)
Heine: Welch ein abgestumpfter Haufen hier heute. Ehrlich gesagt, Grimm, ist mir die Gesellschaft von Dichtern herzlich zuwider — sind doch recht eigentlich theatralische, eitle, verstädterte Schnapsnasen. Meinetwegen eine Gruppe von Verlegern, sind immer gut für verwertbare Beobachtungen. Oder eine Spelunke voller Halunken — herrlich, da sind Weisheiten zu holen, kannst du leicht zu einem Versepos verweben. Oder ein einsamer Fichtenbaum auf kahler Höh. Darin steckt eine eigene Philosophie für alle, die schauen können und zuhören und fühlen. Aber Schriftsteller … (er seufzt)
Grimm: Warum sind Sie denn dann überhaupt gekommen, gekommen, Herr Heine?
Heine: Nun ja, ich bin ein wenig beachtetes Genie, Grimm. Mein Agent bestand darauf. Er hofft, dass ich mich „vermarktbar“, seine Worte, mache, was so gar nicht meinem Ethos entspricht.
Grimm: Bei wem sind Sie?
Heine: Mein Agent? Helen Buffo von Humbert und Humbert in Hamburg. Und Sie?
Grimm: Ernst Hackmacher. Er ist bei Knappe und Ritter. Davor war ich bei Theo Redepennig ein liebenswürdiger Mann, aber solch ein Pessimist, solch ein Pessimist.
Heine: Ist Helen auch. Ich meine, ich kann ihre Position verstehen. Sterne und Äuglein und Mondglanz und Sonnenschein, wie sehr das Zeug auch gefalle, sagt sie, würde doch noch lang keine Welt machen.
Grimm: Ich bewundere Ihre „Loreley“, „Loreley“. Haben Sie mehr davon?
Heine: Hunderte von Liedern. Mehr als tausend Sonette allein über spirituelle und geographische Themen.
Grimm: Ah ja. Nietzsche sprach äußerst flegelhaft, äußerst flegelhaft über Ihr Gedicht.
Heine: Ganz richtig. (mit Verachtung in der Stimme) Solche vagabundierenden Gesellen kann ich kaum verknusen. Soll immerzu unterwegs sein der Strolch. Nizza, Venedig, Sils Maria, Turin Portofino. Ich meine, ich habe eine Reihe von Reisebildern verfasst, aber man hat doch ein Zentrum und sagt über die liebe Heimat nicht: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.“
Grimm: Das hat er gesagt?
Heine: Trau ich ihm zu, ihm trau ich das zu, einem der sagt: „Deutschland, Deutschland über Alles — ist vielleicht die blödsinnigste Parole, die je gegeben worden ist.“
Grimm: Hat er das auch gesagt? Aber gut gesagt nicht, nicht wahr?
Heine: Hat er und er hat auch gefragt: „Wie viel verdrießliche Schwere, Lahmheit, Feuchtigkeit, Schlafrock, wie viel Bier ist in der deutschen …“
(Seine Stimme wird leiser und wir sind woanders.)
Fortsetzung folgt
Die letzte Lektion
Ein Krimi mit Humor. Der Mörder wartet nicht, bis ein Lehrer aufzeigt. Im Nu sind einige Lehrer in die ewigen Ferien verabschiedet worden. Warum gerade Lehrer? Stimmt, Bankmanager hätten es auch getan, aber es sind halt Lehrer geworden. Und wer hätte nicht einen Pauker im Keller seiner grausamsten Fantasien? Für kurze Zeit zum Aktionspreis von 99 Cent (statt 3,99 €).