Über das Leben haben zu allen Zeiten die Weisesten gleich geurtheilt: es taugt nichts … Immer und überall hat man aus ihrem Munde denselben Klang gehört, — einen Klang voll Zweifel, voll Schwermuth, voll Müdigkeit am Leben, voll Widerstand gegen das Leben. Selbst Sokrates sagte, als er starb: „leben — das heisst lange krank sein: ich bin dem Heilande Asklepios einen Hahn schuldig.” Selbst Sokrates hatte es satt. — Was beweist das? Worauf weist das? — Ehemals hätte man gesagt (— oh man hat es gesagt und laut genug und unsre Pessimisten voran!): „Hier muss jedenfalls Etwas wahr sein! Der consensus sapientium beweist die Wahrheit.” — Werden wir heute noch so reden? dürfen wir das? „Hier muss jedenfalls Etwas krank sein” — geben wir zur Antwort: diese Weisesten aller Zeiten, man sollte sie sich erst aus der Nähe ansehn! Waren sie vielleicht allesammt auf den Beinen nicht mehr fest? spät? wackelig? décadents? Erschiene die Weisheit vielleicht auf Erden als Rabe, den ein kleiner Geruch von Aas begeistert?… (Nietzsche, Götzendämmerung)
Die Jugend taugt nichts, wird dümmer mit jedem Tag (Nietzsche leicht verändert)
Über die Jugend haben zu allen Zeiten die Weisesten gleich geurtheilt: sie taugt nichts … Immer und überall hat man aus ihrem Munde denselben Klang gehört, — einen Klang voll Zweifel, voll Schwermuth, voll Verachtung für die Jugend. (…) Was beweist das? Worauf weist das? — Ehemals hätte man gesagt (— oh man hat es gesagt und laut genug und unsre Pessimisten voran!): „Hier muss jedenfalls Etwas wahr sein! Der consensus sapientium beweist die Wahrheit.” Werden wir heute noch so reden? dürfen wir das? „Hier muss jedenfalls Etwas krank sein” — geben wir zur Antwort: diese Weisesten aller Zeiten, man sollte sie sich erst aus der Nähe ansehn! Waren sie vielleicht allesammt auf den Beinen nicht mehr fest? spät? wackelig? décadents? Erschiene die Weisheit vielleicht auf Erden als Rabe, den ein kleiner Geruch von Aas begeistert?… (nach Nietzsche)
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„Curry, Senf und Ketchup“ (1. Kapitel, zweiter Teil)
Der Krimi „Curry, Senf und Ketchup” beginnt, wie es sich gehört, mit einem Mord. Kommissar Max Berger will den Mord an Professor Liedvogel aufklären, wie es sich gehört. Doch Bergers Augen spielen nicht mit, wie sie es sollten. Immer wieder verschwimmt die Welt in seinen Augen. In zwei Teilen werde ich hier das erste Kapitel mit dem ersten Mord veröffentlichen.
„Zimmermann, na endlich!“ Liedvogel blickte auf seine Uhr. „Wegen der zehn Minuten brauchen Sie die Tür nicht gleich einzuhämmern. Hier Zimmermann!“ Liedvogel warf ihm einen Aufsatz zu. „Mist! Überarbeiten!“ Zimmermanns käsiges und hagerknochiges Gesicht verfärbte sich, wurde nicht gerade puterrot, aber immerhin bekamen seine Wangen etwas Rosiges. „Wie bitte?“ „Setzen Sie sich mit Nieljung zusammen, so geht das nicht. Er lieferte schon gestern und ist uneinsichtig, sieht nicht, welche Plattitüden er da aneinanderreiht. Und die Sprache, sie müssen da mit dem Hobel ran Zimmermann. Nieljung ist ein Schwachkopf. Selbst bei Orkan fällt der Apfel eben nicht weit vom Stamm. Ich habe ihn rausgeworfen. Aber das hier erledigen Sie noch zusammen mit ihm.“ „Nieljung rausgeworfen?“ „Wollen Sie ihn weiterhin mit durchziehen, Zimmermann?“ „Hat der Stamm schon angerufen?“ „Nein!“ „Macht er denn noch mit, nach dem Rauswurf. An dem Aufsatz meine ich?“ „Er glaubt noch nicht so richtig dran, machen Sie mal. Und nun zu ihren Geistesblitzen. Nachtarbeiter wie?“ An einem Dutzend Stellen pappten Zettel zwischen den Seiten seines Aufsatzes. Ein gutes Zeichen, ein bedrohliches Zeichen? Waren das die Stellen mit den kräftigen Thesen oder den noch kühneren Folgerungen? „Setzen Sie sich. Kommen Sie her!“ So nah, so nah war Zimmermann unheimlich, und schon hatte er sich gestochen an der Liedvogelschen Au, Au, Aura. Gemeinsam schauten sie in den Aufsatz. Pluszeichen hielten den Fragezeichen die Waage. Auf den ersten beiden Seiten. „Zimmermann, das hier“, Liedvogel tippte auf unterschlängelte Stellen, „das ist gut, wirklich stark.“ Wie bitte? Zimmermanns Geist machte dicht. Was? Wie? Wo ist das Aber? Kommt kein Aber? Das sei gut, sei gar stark? „Aber“, fuhr Liedvogel fort, „um Himmels willen, erfinden Sie eine authentische Quelle. Zum Beispiel eine Umfrage unter Senioren, nehmen Sie meinetwegen Ihre Großmutter, aber verweisen Sie doch nicht auf einen Roman als Belegmaterial für ihre Thesen.“ Eine Großmutter wollte Robert wohl erfinden, eine Kleinigkeit. Die Rettung aus der stachligen Aura trat ins Büro. Chrissi Hains überreichte Zimmermann eine Kopie seines Aufsatzes und so konnte er Reißaus nehmen aus der Liedvogelschen Stachelaura. Liedvogel nahm den Seiteneingang zum Hörsaal, denn schon eine Viertelstunde vor dem Beginn der Vorlesung waren auch die Treppenstufen des Saals besetzt. „Durch die Katakomben“, wie er es nannte. Zimmermann hörte etwas anderes hindurch, Liedvogels Eitelkeit, seine Enttäuschung darüber keinen Auftritt zu haben, nicht die Treppe hinuntertänzeln zu können. Chrissi und Robert warfen die Maschinerie in Gang. Robert fuhr die Leinwand hinunter, Chrissi legte die DVD ein, positionierte den Beamer und drehte am Objektiv, bis das Bild scharf war. Liedvogel war ein Liebhaber des Details, das Große und Grobe bekamen auch die Doofen mit, aufs Feine und Kleine kam es ihm an und auf den Subtext, besonders den Subtext und den ironischen Blick. Und was wurde gegeben? Hier wurde nichts gegeben! Liedvogel hielt eine Vorlesung mit dem Titel: „Paradoxie und Selbstreferenz im modernen Film.“ Nach der ersten Szene, ein hysterisches Pärchen überfällt ein Restaurant, stoppte Chrissi den Computer und Liedvogel erklärte, was alle gesehen, aber im feinen Detail eben doch nicht gesehen hatten. Denn Studenten sahen nun mal nichts, dazu brauchten sie die Augen eines großen Gelehrten. Erst der setzte ihnen Augen ein. Und wer sähe mehr und tiefer als ein deutscher Denker? Zimmermann sah allerdings kaum etwas, dazu war ihm viel zu warm, zu wohlig, so dämmersüchtig zumute, so zum Gähnen gemütlich! Vier Schüsse reißen seinen Kopf hoch. Aus tiefem Traum erwacht, kann er noch gerade sein letztes Traumbild mit in den Hörsaal herüberzerren: Charles Bronson mit Mundharmonika. Doch kein Mundharmonikaspiel-mir-das-Lied-vom-Tod im Hörsaal. Es ist ruhig im Saal und auf den Stufen. Eine entsetzliche Stille! So still wie nach den vier Schüssen in seinem Traum. Das Bild läuft nicht mehr, Liedvogel spricht nicht mehr. Einer liegt vor der Leinwand. Ein Pistolenschuss zurück! Zimmermann träumte noch von Cowboys im Staube von Arizona oder Utah und Chrissi, ihre Hand noch auf der Maus, wartete noch auf den Wink von Liedvogel, als ihr Harry auf die Schulter tippte. „Was machst du danach?“ „Gleich, gleich, sei still!“ Sie drehte sich wieder um und blickte zu Liedvogel hinunter. Er winkte und dann knallte es aus der erhobenen Hand und der Mann ging zur Seitentür hinaus, durch die sie vor einer halben Stunde gekommen waren. Aber es war nicht Liedvogel, der gewinkt hatte und nun hinausging. Liedvogel lag vor der Leinwand.
Der Krimi „Curry, Senf und Ketchup” beginnt, wie es sich gehört, mit einem Mord. Kommissar Max Berger will den Mord an Professor Liedvogel aufklären, wie es sich gehört.Doch Bergers Augen spielen nicht mit, wie sie es sollten. Immer wieder verschwimmt die Welt in seinen Augen.
In zwei Teilen werde ich hier das erste Kapitel mit dem ersten Mord veröffentlichen.
„Curry, Senf und Ketchup“ (1. Kapitel, erster Teil)
Zum dritten Male krampfte sich sein Magen zusammen. Robert Zimmermann verzog sein Gesicht, als wäre ihm Zwiebelsaft in die Augen gespritzt worden. Dabei hatte der letzte Schluck Kaffee sich am Bestimmungsort nur unwohl gefühlt. Der Kaffee hatte den ätzenden Rückweg durch die Speiseröhre angetreten und füllte seinen Mund nun als saure und beißende Brühe.
Er spuckte die heiße Säure ins Spülbecken und wusste, dass sein Magen keinen Spaß mehr verstand. War immer ein übles Zeichen, wenn der Körper sich meldete, wenn der Magen meinte sich eigenwillig aufspielen zu müssen, weil drogistische Hilfen nicht länger geschätzt wurden.
Wenn der Körper Kaffee also zum Kotzen fand, dann mussten andere Mittel her, um seine Schaffenskraft auf Trab zu halten, denn Professor Liedvogel war noch humorloser als sein Magen. Was nicht perfekt war, wurde von Liedvogel so verrissen, dass man sich wünschte, niemals ein Seminar bei ihm besucht, ja, niemals eine Uni von innen gesehen zu haben.
Aber das Ende war in Sicht. Nach drei durchwachten Tagen und Nächten konnte Robert manch Gutes, wenn nicht Großes abliefern, um dem Liedvogelschen Fallbeil zu entgehen. War keine Kleinigkeit Liedvogels Schnabel zu schließen, war ungefähr so wahrscheinlich wie ein funktionierender Computer über mehr als drei Tage. Liedvogels Gnadenlosigkeit hatte volkswirtschaftlich äußerst positive Wirkungen. Seine Studenten, häufig Ex-Studenten, sorgten für volle Sprechstunden bei Quacksalbern jeder Couleur und sie unterstützten neben der Pillenindustrie ungefähr die Hälfte der Paderborner Kneipen.
Erst im letzten Semester konferierte der gesamte Psycho-Fachbereich sechs Stunden, um einen Sprungbereiten vom Turm zu locken. Scheußlich spannende Szene. Bis er endlich sprang. (Alternative für Zartbesaitete: Bis er dann doch nicht sprang.)
Zimmermann rieb sich mit seinen Zeigefingerknöcheln beinahe die Augen aus dem Kopf. Eine Nasevoll und dann noch einmal totale Konzentration, damit die Endversion und nicht etwa eine Zwischenarbeit durchs Kabel rauschte. Wäre ein Desaster! Ich piss mir in die Hose, wenn Liedvogel den Kopf zur linken Schulter senkt.
Eine Woche Komatrinken hatte Zimmermann über die letzte Katastrophe gerettet. Dieses Mal gab es nur zwei Möglichkeiten — Taxifahrer oder Sprung vom Turm. Was ungefähr das Gleiche war.
Jetzt nur nicht vergessen, die Datei an die Mail zu hängen. Selbst solche Lappalien reizten Liedvogel zu enormen Aufschwüngen seiner Lust an sarkastischer Erniedrigung. So, jetzt noch ein Mausklick auf den Sendeknopf. Ab die Post!
Die Kiste aus und in die Kiste rein waren kaum getrennte Vorgänge, reines Fließen. Nichts als tiefer, tiefer Schlaf!!
Um 16.30 Uhr wachte Robert auf, blickte auf den Wecker und hatte noch eine halbe Stunde. Neben dem Bett die Hose. Er sprang hinein, bückte sich, warf Arme und Hemd in die Luft und rieb sich durch die Augen. Fertig! In einem Pappschälchen vergammelten zwei altersgraue Stückchen Currywurst. Auf Ekelgefühle nahm Roberts Hunger keine Rücksicht. Zu den kalten Hochfettinnereienrollen schlürfte er Kaffe und eilte zur Uni.
Um 16 Uhr öffnete Professor Liedvogel die E-Mail und grinste, als er die Sendezeit las: 03:23. Er ließ den Drucker schnurren, nahm aus einem Hängeordner die Arbeit von Ole Nieljung, blätterte hinein, neigte den Kopf zur linken Schulter und mit verkniffenen Mundwinkeln warf er Nieljungs Arbeit auf den Schreibtisch.
An einer Pinnwand hing ein Poster mit einer Rakete, die das Universum durchquerte und im Schlepp ein Banner zog mit den Worten: „Make big plans!“ Natürlich wusste Liedvogel, dass seine Kollegen das für großmäulig hielten. Wer nicht mithalten konnte, war eben zu neidischem Schielen verdammt. Mickrige Gefühle, mickriger Köpfe! Hauptsache, seine Mitarbeiter wussten, was ihr Chef bewegte: 30 Stellen hatte Liedvogel an seinem Paderborner „Medien Center“ geschaffen. Ganze drei davon bezahlte die Uni selbst, alle anderen wurden durch Drittmittel finanziert.
Er blickte auf seine Uhr, rupfte den Aufsatz von Zimmermann aus dem Schacht des Druckers, überflog das Vorwort und las die erste echte Seite. Er nickte hier, neigte dort den Kopf zur gefährlichen Schulter und schob sein starkes Kinn vor.
Liedvogel blickte abermals auf seine Uhr, schaute dann zur Tür, schloss eine Schreibtischschublade auf und nahm ein Fläschchen heraus. Eine violette Pille kullerte in seine Handfläche, er führte sie zum Mund und warf den Kopf schluckend in die Luft wie ein Reiher, der einen Fisch durch den Schlund würgt. Es ist ein Wunder, dachte Liedvogel und summte eine Melodie. Ein Lächeln, im Husch da, im Husch vorüber. Die Melodie, vorher ein Nichts, nachher ein Nichts, kommt als Gespenst wieder und stört die Ruhe eines späteren Augenblicks. Robert Zimmermann hätte den Song als „Mother’s Little Helper“ identifiziert, weil er sich mit so was auskannte. Wahrlich kein Wunder bei seinem Namen. Aber Robert Zimmermann war zu spät.
Zur Besprechung mit Liedvogel federte er den Korridor hinunter, als käme er gerade aus einem Seminar über die glückbringende Wirkung von Mimik und Bewegung. Und was verriet sein Gesicht mit der messerscharfen Nase? Grinse außen, dann grinst du auch innen. Seminarziel erreicht!
Die Faust von Liedvogel reichte bis in Roberts Eingeweide. Sein Magen eine zusammengepresste Blechdose. Alle verwünschten Liedvogel, aber alle hingen auch an seinen Lippen und lechzten nach seinem Lob und nichts weniger als das erwartete Zimmermann für seinen Aufsatz.
Ganz außerordentliche Ergebnisse hatte er zutage gefördert. Sah sich schon in der „Kulturzeit“, hörte die einführenden Worte von Zobel: „Eben erschien in Paderborn eine sensationelle Untersuchung. Zu Gast heute Abend im Studio der Medienwissenschaftler Robert Zimmermann. Bevor wir über Einzelheiten sprechen, möchte ich Sie bitten, die Ergebnisse Ihrer Studie kurz vorzutragen. Schon der Titel ist ein Knaller.“
„Ja gern, Herr Zobel. Mein Aufsatz heißt: Das Fernsehen als lebensförderndes Palliativum für Senioren.“
„Sehr schön, ganz famos, sensationell!“, sagte Zobel.
Vor der Tür zum Liedvogelschen Büro zögerte Robert einen Wimpernschlag lang und seine Haare gaben preis, welche Unwetter sich in seiner Kuppel entluden. Sie standen zu Berge und flirrten wie Kolibriflügel. Doch, doch der Aufsatz war ein kolossaler Wurf! Die Sprache kernig und männlich wie bei Schopenhauer. Und dann erst die Ergebnisse, so überraschend wie neu; der Durchbruch war da! Gedanken wie Axthiebe! Sein Anklopfen entsprach dem anschwellenden Sturm in seinem Hirn.
Habe durch Zufall ein Bild gefunden, das ziemlich genau trifft, wie Kommissar Max Berger die Stadt sieht.
Berger versucht zu verheimlichen, dass sein klarer Blick auf die Welt immer häufiger verschwimmt. Sie verläuft dann wie ein Bild aus Wasserfarbe im Regen. Aus dem Roman „Curry, Senf und Ketchup“
Auf dem Rückweg durchs Gebäude nach draußen brauchte Max nicht mit seinen Fingerkuppen an den Wänden entlang zu streifen, um sich zu orientieren. Als er aber aus dem Gebäude trat, rollten die Stufen wie übereinander purzelnde Wellen zum Parkplatz hinunter. Schon wieder wackelte die Welt, als würde sie in flimmernder Hitze aufgelöst und zerfließen. Das wollen wir doch mal sehen, murmelte Max, rief auf seinem Nexus die Seite der Uni Wetterstation auf und stellte fest, dass sich die Welt bei 13,3 Grad nicht aufzulösen hatte.
Das alles war die Schlaflosigkeit, war das Ergebnis der viel zu späten Wirkung der Schlafmittel, was sonst, sagte sich Max. Was sonst? Mit suchenden Füßen tappte er die Treppe hinab, seine Handfläche streichelte den Handlauf des Geländers hinunter zum Parkplatz.
„Hier“, Max reichte Clarissa den Wagenschlüssel.
„Soll ich wieder fahren?“
„Nein, verschlucken“, sagte Max.
Clarissa fühlte sich einerseits aufgewertet, dass er sich ihren Fahrkünsten anvertraute, dass er es nur machte, weil er offenbar wacklig auf den Stelzen war, minderte ihr Glücksgefühl ein wenig. Aber immerhin das war ein Anfang. Sie durfte fahren, ihn zur Uni fahren, wo sie die Frage klären wollten, ob es so etwas gab wie Mord aus Neid. Neidmord. Im Rundfunk und Fernsehen, so hatte Zimmermann gesagt, sei Liedvogel ein gern gesehener Gast gewesen.
Gab es so etwas wie tödlichen Neid auf fernsehtaugliche Talk-Show Professoren? Neid bis aufs Blut, war so was wirklich denkbar?
Während des längsten Teils der Strecke hielt Max die Augen geschlossen, er wollte die verwackelten Autos und Bäume nicht sehen und auch nicht die Gebäude, die in ihrer Protzsucht plötzlich so taten, als wären sie von Gehry erbaut worden.
Was war von einer verwackelten Stadt zu halten, die am Ende wohl nur noch aus Nebelklecksen und bunten Nebelbänken bestehen mochte? In so was kann man doch nicht leben!
„Wie bitte“, fragte Clarissa, die das Gemurmel nicht verstanden hatte.
„Einen Mord aus Neid, halten Sie das für möglich?“
„Hm, einer hat was, was ich haben will?“
„Und was wäre so wichtig, dass Sie…?“
„…dass ich mordete? Weiß nicht, wenn ich mich für besser hielte, Verkanntheit. Wenn der andere nicht mehr ist, werde ich endlich wahrgenommen.“
„Also letztlich mangelndes Selbstwertgefühl, Anerkennung finden wollen.“
„Ja, und Eitelkeit.“
„Das heißt aber, die ganze Uniherde kommt in Betracht.“
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Sie bedauerte ihre Worte, als sie in sein ernstes Gesicht blickte, wünschte sich, sie zurücknehmen zu können. Sie wollte sich entschuldigen, dass sie sich eingemischt, sein ruhiges Lesen unterbrochen habe, weil sie fürchtete, einen weiteren Kunden verloren zu haben, als er ihr das Buch entgegenstreckte. Sein Blick verwandelte sich, selbstbewusst schaute er sie an, herausfordernd, ein Ausdruck, den sie seit der Beerdigung nicht mehr benutzt hatte.
„Ich bin damit sowieso fertig“, sagte er und stieß ihr das Buch in die ausgestreckte Hand. Als sie auf den Umschlag blickte, stand er behände auf und eilte an ihr vorbei zum Ausgang.
„Warten Sie, ich …“
„Sie brach den Satz ab beim Läuten der Eingangstür. Die Ruhe war wieder da, die irritierende Stille.“
In ihren Händen hielt sie das Buch über den berühmtesten Mord in der Stadt, geschehen vor zehn Jahren. Immer wieder verbreiteten sich frische Gerüchte darüber, wer die dreißig Jahre alte Judith Jäger ermordet hatte in einer Gasse gleich um die Ecke.
War wohl ein weiterer selbsternannter Detektiv, der die Nuss knacken wollte. Als sie den Band ins Regal zurückstellen wollte, fiel etwas aus dem Buch zu Boden. Sonja bückte sich und hob das gefaltete Blatt auf. Sie entfaltete den Zettel, auf dem zwei handgeschriebene Sätze standen.
Ich habe sie getötet, weil Liebe alles rechtfertigt. Eines Tages hätte ich sie verloren, also habe ich vorgesorgt.
Vom Schellen der Tür erschreckt, blickte Sonja zur Tür, von wo der Mann durch den Gang eilte und schon vor ihr stand. Sein Blick wanderte vom Zettel in ihrer Hand zu ihrem Gesicht und wieder zurück. Ob ihr Gesicht sie verriet, ihren Verdacht?
Einen Flecken blauer Tinte an seinem Daumen war das Letzte, was sie sah, bevor sich seine Hände um ihren Hals legten. „Wie glücklich du leben würdest, wenn du dich um anderer Leute Sachen so wenig bekümmertest wie um deine eigenen.“
Buchläden liebten Eckhäuser und waren einmal wohlbesucht. Sonja besaß ihren Eckbuchladen seit fünf Jahren und war entschlossen, neue Kunden zu finden. Der Untergang des Ladens wäre ihr Untergang, den sie in ihrem Horizont nicht duldete. Sie hatte den ganzen Churchill in den Laden gesteckt: „Blood, Sweat and Tears“. Zwei gescheiterte Ehen mussten genügen. Dieser Laden war wie ein Freund, der nicht moserte, wenn sie zu viel Champagner trank. Auch um den Gedanken an den Untergang weich zu zeichnen.
Beim Klingeln der Eingangstür zuckte ihr Kopf hoch, die Augen aufgerissen. Von ihrem Hocker an der Kassentheke erblickte sie einen älteren Mann mit einem zerzausten Bart durch den Gang schlurfen. Sein Wollmantel war schwarz, Risse liefen am linken Ärmel entlang.
Als er bei ihr vorüberschlurfte und sie ihm zunickte, blickte er auf den Boden. Vielleicht suchte er Münzen. In der Unicafeteria war so ein pummeliger Bursche an den Tischen vorbeigeschlichen, den Blick immer auf dem Boden geheftet auf der Suche nach der verlorenen Zeit.
Der Bärtige zog eine Schleppe aus Alkoholdunst er hinter sich her.
Sonja war irritiert, aber auch seltsam fasziniert, als der Mann im Mittelgang des Ladens verschwand. Niemals zuvor hatte sie ihn gesehen, aber es war doch spannend, war es nicht spannend neuen Leuten zu begegnen? Sie sei zu kess, zu aufdringlich, zu dreist mit den Menschen, hatte ihre Mutter gern gepredigt. Einmal hatte sie sogar behauptet, deswegen habe Sonjas zweite Ehe nicht funktionieren können.
Sonja schüttelte ihren Kopf, versuchte die Stimme der Mutter aus ihrem Kopf zu schütteln. Vor zwei Monaten hatten sie ihre Mutter zur letzten Ruhe gebettet, aber sie ließ ihr noch immer keine Ruhe, beherrschte noch immer ihre Gedanken. Wenn ihre Mutter gewusst hätte, wie die Rechnungen sich stapelten. Jetzt häuften sich auch die leeren Flaschen in den Schränken, wo sie das Leergetrunkene versteckte vor den Blicken ihrer Freunde, die kamen, um ihre Trauerarbeit zu überwachen. Ihre Freundin Kathrin hatte das Wort benutzt, letzte Woche. Trauerarbeit! Saure Arbeit!
Sonja richtete die Prospekte auf der Theke aus zum dritten Mal. Sie atmete durch, stand auf und marschierte zum Gang, in dem der Mann vor ein paar Minuten verschwunden war. Es saß auf dem Holzboden mit dem Rücken an ein Regal gelehnt. Auf den überkreuzten Beinen lag ein Buch.
„Etwas Interessantes gefunden“, fragte sie. Er zuckte zusammen.
„Ja, ja!“, sagte er mit tiefer Stimme. „Ich, ich musste noch was lesen, etwas nachlesen.
Seine Stimme war krümelig und sie bemerkte, dass er das Buch zur Seite bewegte, weg von ihr. Sie wollte wissen, welches Buch er aufgeschlagen hatte, aber dazu hätte sie den Rücken oder den Umschlag sehen müssen. Sie waren in der Geschichtsabteilung.
„Darf ich sehen, welches Sie gewählt haben?“ Sie nickte zum Buch auf seinem Schoß und sofort hörte sie die Stimme ihrer Mutter: „Wie glücklich du leben würdest, wenn du dich um anderer Leute Sachen so wenig bekümmertest wie um deine eigenen.“ „Mir gehört der Buchladen“, sagte sie.
Sie bedauerte ihre Worte, als sie in sein ernstes Gesicht blickte, wünschte sich, sie zurücknehmen zu können.