Montag, 7. April 2014

Wer Liebe verspricht, lügt!


Gastblog von Friedrich Nietzsche



Man kann Handlungen versprechen, aber keine Empfindungen; denn diese sind unwillkürlich. Wer jemandem verspricht, ihn immer zu lieben oder immer zu hassen oder ihm immer treu zu sein, verspricht etwas, das nicht in seiner Macht steht; wohl aber kann er solche Handlungen versprechen, welche zwar gewöhnlich die Folgen der Liebe, des Hasses, der Treue sind, aber auch aus anderen Motiven entspringen können: denn zu einer Handlung führen mehrere Wege und Motive. Das Versprechen, jemanden immer zu lieben, heißt also: so lange ich dich liebe, werde ich dir die Handlungen der Liebe erweisen; liebe ich dich nicht mehr, so wirst du doch die selben Handlungen, wenn auch aus anderen Motiven, immerfort von mir empfangen: so dass der Schein in den Köpfen der Mitmenschen bestehen bleibt, dass die Liebe unverändert und immer noch die selbe sei. — Man verspricht also die Andauer des Anscheines der Liebe, wenn man ohne Selbstverblendung jemandem immerwährende Liebe gelobt. (Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches I)







Taten ohne Täter
Theo Kremer unterrichtet Englisch an einer Schule, an der erwachsene Schüler ihr Abitur nachholen. Theo gehört zum üblichen Zoo von Lehrern und ist gesegnet mit einem robusten Ego. Doch dann widerfahren ihm Dinge, die er nicht erklären kann.
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Sonntag, 6. April 2014

Versuche (4/4 letzter Teil)


Sören drehte sich um und eilte zurück, um seine Unterlagen für die bevorstehende Sendung zu holen. Während er durch die Wagen schwankte, fragte er sich, welches Gesicht zu dem Hinterkopf gehörte. Als hätte er ihn schon mal gesehen, so kam es ihm vor, wie in einem Traum. Das Gefühl, sein Körper würde jetzt jeden Moment seine Seele ausniesen, war beklemmender als jemals zuvor — gleich werde ich es haben — das fehlende Gesicht. Aber je mehr er sein Gedächtnis malträtierte, desto wendiger schien die Erinnerung sich seinem Zugriff zu entziehen. Er war ärgerlich, als er wieder in den Speisewagen trat, mit einem Krampf im Hals, der ihn am Schlucken hinderte. Auch das bisschen Aura, das die beiden Frauen am Tisch zurückgelassen hatten, reichte nicht aus das Gesicht hervorzuzaubern. Vielleicht die nächste Prise. Ach zum Teufel mit ihr — welch ein Unsinn!
Ein Kellner trat an seinen Tisch, bemerkte etwas Glänzendes am Rand des Aschenbechers, reichte Sören mit geübtem Schwung die Karte und griff mit der Linken nach dem glitzernden Etwas. Ein Ring. Er ließ ihn in seine Westentasche gleiten und blickte sich verstohlen um. In der Küche zog er den Ring vorsichtig aus der Tasche; im trüben Licht konnte er nicht erkennen, was in der Innenseite eingraviert war. Muss Chinesisch sein, dachte er und steckte den Ring zurück in die Tasche.
Der Riesenschnauzer beobachtet Sarah mit glasigen Augen, die angefüllt schienen mit dunklem Jod.
„Was ist los?“, fragte Helga Hornung.
„Müde! Entschuldigen Sie mich, ich werde ein Nickerchen machen.“
Frau Hornung hob ihre dünnen Brauen und knabberte an ihrem Keks weiter.
Sarah lehnte ihren Kopf zurück und tat so, als würde sie schlafen. Ihre Nasenflügel glänzten und gelegentlich zuckte ihr bleiches Gesicht.
Eine halbe Stunde später wurde der Zug langsamer. Er stoppte mit einem langen Seufzer der Erleichterung. Sarah erwachte. Frau Hornung döste, ihr Mund eine schwarze Höhle. Der Mann an der Tür, sein Gesicht vom Mantel bedeckt, schlief ebenfalls, seine Beine grotesk verdreht.
Sarah leckte über ihre trockenen Lippen und rieb ihre Schläfen. Sie fuhr hoch. An ihrem Finger fehlte der Ring. Sie starrte auf ihre nackte Hand. Suchte den Sitz ab. Den Boden. Sie blickte zu den verdrehten Beinen. Der Speisewagen. Sie rannte aus dem Abteil, die Arme ausgebreitet. Schwankte durch den Gang, durchquerte einen Wagen, einen weiteren, Tränen in den Augen. Der Speisewagen war leer, die Tische abgeräumt. Ihr Ring lag nicht auf dem Tisch, nicht auf dem Boden. Später nachforschen, ob gefunden, jetzt zurück ins Abteil. Sie war am Ziel. Bahnhof Zoo.
Vom jaulenden Kreiseln des Blaulichts eingeschüchtert, fuhr das Taxi auf den Bürgersteig. An einer Litfaßsäule wieder die Werbung: Mehr Just-in-time-Service. Sarah schaute auf die Uhr. Nach der Sendung stehe Sören Grosmann noch so sehr unter Strom, dass er kaum ansprechbar sei, hatten sie ihr gesagt. Eine halbe Stunde nach dem Ende, das sei der ideale Zeitpunkt ihn zu überraschen. Zweimal huschte das Licht des Krankenwagens über Sarahs Gesicht, wischte den gespannten Ernst aus ihren Zügen und ließ bläulichen Schrecken zurück.
Ganz ruhig hatte Sören Grosmann seinen Gast zwei Minuten vor dem Ende der Sendung verabschiedet und sich an die Zuschauer gewendet.
„Meine Damen und Herren, bleiben Sie bitte an den Apparaten. In eigener Sache möchte ich eine Ankündigung machen, die sie mindestens so überraschen wird, wie der Todessturz des bekannten FDP-Politikers. Sie erinnern sich.“
Im Studio war es still, das Licht auf ihn gerichtet. Er konnte nicht verstehen, warum ihm dieser Hinterkopf aus dem Speisewagen noch immer keine Ruhe ließ. Sonst war alles klar, nur dieser blinde Fleck blieb. Dann lächelte er in die Kamera entspannter als je zuvor, öffnete seinen Mund, fand die zurechtgelegten Rosenworte zu kitschig und machte kurzen Prozess.

Nacktes Entsetzen
Thomas’ Frau verlässt ihn im Streit, um einen Dokumentarfilm im Rotlichtmilieu zu drehen. Ein neues Aktmodell posiert für Thomas. Aus diesem Arbeitsverhältnis entwickelt sich für Thomas ein Albtraum aus Misstrauen, Verdächtigungen und Paranoia.
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Samstag, 5. April 2014

Versuche (dritter Teil einer Kurzgeschichte)

„Haben Sie denn eine Annonce aufgegeben“, fragte Helga Hornung.
Sarah schloss die Augen und schüttelte den Kopf, wie sie ihn geschüttelt hatte, als sie sich über seine Naivität ärgerte, das wäre was für die Dauer gewesen.
„Nein, ich kenne ihn und ich weiß, wo ich ihn finde.“
„Warum rufen Sie ihn dann nicht einfach an?“
„Nein, das geht nicht. Ich möchte etwas essen. Kommen Sie mit in den Speisewagen?“
Der Mann mit dem Riesenschnauzer faltete die Zeitung zusammen und schmollte in seiner Ecke.
Sarah hätte lieber Absinth getrunken, gab sich aber mit Cognac zufrieden und lächelte froh, als sie Frau Hornung zuprostete und sich in dem Film On the Way to Your Body wiederfand, wo sie in einer Szene dem Barkeeper ihre Seele entrümpelte. Eine verbrauchte Szene, aber immer wieder gern gesehen, wie der ganze Film.
„Ich habe den Mann seit 12 Jahren nicht gesehen“, sagte sie. „Wie meine Karriere verlief, weiß jeder Leser von Klatschspalten. Bei mir ging es runter, bei ihm rauf. Ihn deshalb wiedersehen zu wollen, das wäre erbärmlich. Kurz und gut. Er liebte mich, ich ging, verliebt in meine Fantasie aus grandiosen Bildern. Ausgelacht habe ich ihn, als er mit dem Ring kam.“
„Der Ihnen vom Finger gerutscht ist?“
„Ja, sehen Sie.“
„Was ist das?“
„Deswegen habe ich ihn ausgelacht.“
„Das ist aber schön, eine Rose!“, rief Helga Hornung.
„Ja, kitschig, nicht wahr?“
„Nein, schön!“
„Ist auch egal“, sagte Sarah Maler. „Jedenfalls hatte ich in den zwölf Jahren meinen Anteil am Glück, an Enttäuschungen. Den ganzen Liebeskladderadatsch eben x-mal. Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, ob er es nicht gewesen wäre.“
„Nach 12 Jahren?“, fragte Helga Hornung.
„Ich weiß, es ist unwahrscheinlich, aber ich möchte mit ihm sprechen. Besser versuchen und scheitern, als es erst gar nicht versucht zu haben. Sollte sich alles als ein Flop erweisen, kann ich mir was Neues ausdenken.“
„Sie sind mutig.“
„Nein, ohne Illusionen.“
„Wer ist es denn?“
„Sören Grosmann.“
„Das Ekel? Oh, Entschuldigung, ist mir so rausgerutscht, ein unangenehmer Zeitgenosse.“
„Er ist anders“, sagte Sarah.
„Wo werden Sie ihn treffen?“
„Nach seiner Sendung. Eine Überraschung, ich kenne noch ein paar Leute bei der ARD. Nach der Sendung werde ich ihn überraschen. Ist schon alles vorbereitet.“
Eine kalte, kribblige Leere ersetzte seine Knochen und Organe, als ob der ganze Körper im nächsten Moment niesen wollte und seine Eingeweide dabei rausgeschleudert würden, so fühlte Sören Grosmann sich. Zum x-ten Male stellte er sich vor, wie er seinen Tod arrangierte. Jedes Detail war durchdacht, als hinge sein Leben davon ab. Er würde seinen Gast bitten, das Studio zu verlassen, weil er in eigener Sache etwas Wichtiges zu sagen habe. Mitarbeiter und Zuschauer wären gleichermaßen erstaunt. Alles musste schnell über die Bühne gehen, denn Scheußlichkeiten vor laufender Kamera wurden sofort ausgeblendet. Sein Kopf würde zerplatzen wie ein Kürbis. Eine Schande nur, dass er nicht mehr lesen konnte, welche törichten Spekulationen über den Grund seines Todes kursieren würden. Las dann aber in vorwegnehmender Klarsichtigkeit die affige Formulierung eines Journalisten, der etwas ahnte in seiner Ahnungslosigkeit: Mehr Menschen sterben an gebrochenem Herzen als am Herzinfarkt. Sören lauschte den Worten hinterher. Das könnten seine Abschiedsworte sein, die er in die Kamera sprechen würde. Etwas variiert vielleicht, nicht ganz so unverhüllt: Mehr Menschen sterben an kitschigen Rosen in Ringen als an …
„Hallo da oben! Merkst du noch was? Ich ertrage die Leere nicht länger!“ Sören Grosmann antwortete seinem Magen mit einem aufgescheuchten Lächeln und trat in den Gang. Auf dem Weg zum Speisewagen, machte er jedoch noch einen Zwischenstopp, ging in die Toilette um sich die Hände zu waschen.
Er blieb am Eingang des Speisewagens stehen und suchte einen freien Platz. Eine ältere Dame, das Gesicht wie aus Teig geknetet, hielt etwas Funkelndes zwischen Daumen und Zeigefinger. Der Funke verlosch auf der Handfläche einer Frau, von der Sören nur den Hinterkopf sehen konnte.
Die letzte Lektion
Der Mörder wartet nicht, bis ein Lehrer aufzeigt. Im Nu sind einige Lehrer in die ewigen Ferien verabschiedet worden. Warum gerade Lehrer? Stimmt, Bankmanager hätten es auch getan, aber es sind halt Lehrer geworden.
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Freitag, 4. April 2014






There is a huge amount

of freedom to you

when

you take

nothing personally.

Versuche (zweiter Teil einer Kurzgeschichte)


Curry, Senf und Ketchup - Friedrich Wulf

Kommissar Max Berger muss einen ersten Mord lösen, zu dem es viele Zeugen, aber weder Spuren noch Motive gibt. Prof. Liedvogel ist während einer Vorlesung erschossen worden. Der zweite Mord ist grässlicher und führt Berger in die Skinhead-Szene.

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Versuche (zweiter Teil einer Kurzgeschichte)
Der ICE stoppte mit einem langgezogenen Jaulen der Bremsen in Kassel-Wilhelmshöhe. Eine Minute vor der Abfahrt trat eine Frau mit großem Mund und rotem Barett in ein Abteil des Zuges. In der linken Ecke am Fenster saß eine ältere Dame, kurzbeinig, ganz in Schwarz, das Gesicht wie aus Teig geknetet.
Die Frau mit dem Barett arrangierte ihre Sachen und setzte sich ihr gegenüber, angestarrt von einem Mann, der mit einem monströsen Schnauzbart prunkte. Sie ging noch einmal auf den Gang hinaus, winkte und kam mit einem Lächeln zurück, das sich langsam auflöste und sich in Müdigkeit und Überdruss verwandelte.
Hinterhöfe glitten vorbei, an einer Wand ein Plakat: Mehr Just-in-time-Service.
Die plumpe Frau in der Ecke fragte: „Kann ich meine Tasche hierher stellen?“
„Bitte, stellen Sie nur“, sagte die Frau mit Barett.
„Entschuldigen Sie, mir ist das eigentlich peinlich, Helga Hornung übrigens, aber Sie sind doch …“ Sie machte eine Pause, in der ihre schmalen Augenbrauen auf die Stirn krochen. „Sie sind doch Sarah Maler, nicht wahr?“
Der Mann mit dem Imponierschnauzer senkte seine Zeitung etwas und blinzelte über den Rand zu ihr hinüber.
„Ja, bin ich.“
„Zu einem neuen Film in Berlin?“
„Nein.“
„Eine Fernsehproduktion? Wir haben so lange nichts von Ihnen gesehen. Ich bin nämlich auf dem Weg zu meinem Sohn in Berlin.“
„Auch keine Fernsehproduktion.“
Helga Hornung zog ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und schnäuzte sich energisch die Nase von links nach rechts und wieder zurück.
„Das ist aber schade, sehr schade“, sagte Helga Hornung. „Glauben Sie, dass die Demonstration gefährlich wird?“
„Welche Demonstration? Ich komme aus Paris.“
„Ach dort haben Sie gedreht.“
Die Augen auf die Spitze ihres grauen Schuhs gerichtet, lächelte Sarah zum ersten Mal, blickte auf und schaute in die neugierigen Augen der Frau.
„Nein auch dort habe ich nicht gedreht, sondern nach einer Rolle gesucht und jetzt suche ich einen Mann“, sagte sie lächelnd.
Sie zog ihre Handschuhe aus. Ein Ring glitt ihr vom Finger.
„Rutscht mir immer wieder runter. Muss dünner geworden sein oder so“, sagte sie.
„Das ist ja wie im Kino“, sagte Helga Hornung. „Da gab es doch diesen Film Suche impotenten Mann?“
„Ja“, sagte Sarah Maler, „Suche impotenten Mann fürs Leben.“
„Jetzt wollen Sie mich aber verulken“, sagte Helga Hornung.
„So war der Titel“, sagte Sarah Maler.
Von irgendwoher in der Decke des Abteils kam ein leises Knistern wie von Regen, der auf ein Blechdach tropft. Sören Grosmann schaute gegen die Decke, blickte ins milchige Licht der Beleuchtung, schaute nach draußen, wo der Zug durch den roten Spätnachmittag raste. Er leckte über seine Lippen, schnüffelte einige Male und presste die Nasenflügel zwischen Daumen und Zeigefinger zusammen, um die wunden Punkte zu spüren. Er schloss die Augen, riss sie aber gleich wieder auf, weil er nicht zum tausendsten Mal sehen wollte, wie Sarah ungehemmt lachte über seinen Einfall.
In die Innenseite des Rings hatte er eine Rose eingravieren lassen, ein fein ziseliertes Meisterwerk. Und sie prustete nur und sagte: „Welch ein Kitsch!“ Und dann: „Doch, doch das ist auch süß, doch Sören, ich finde das ist eine süße Idee.“ Er hielt es nicht länger aus und stürzte durch den Gang zur Toilette, wo er ein Häufchen des Pulvers auf seinen Daumennagel rieseln ließ; er saugte das Hügelchen ins linke Nasenloch und wiederholte die Prozedur mit dem rechten. Zweimal schleckte seine Zunge den glitzernden Staub vom Nagel und zweimal verzerrte sich seine Miene von der gummiartigen Bitterkeit. Er verließ die Toilette mit elastischen Schritten, seine Gedanken köstlich wie eisige Luft in stickigen Räumen. Auf seinem Weg zurück zum Platz dachte er, wie einfach es wäre, gleich jetzt zu sterben. Er lächelte. Besser bis nach der Sendung warten. Es wäre eine Schande die Wirkung des verzaubernden Gifts abzukürzen.

Donnerstag, 3. April 2014

Versuche (erster Teil einer Kurzgeschichte)

Nach und nach werde ich hier einige Kurzgeschichten jeweils in mehreren Folgen veröffentlichen.
Versuche (erster Teil einer Kurzgeschichte)
Sören Grosmann saß im ICE nach Berlin, wo er am Abend eine seiner drei Sendungen moderierte. Nach dem Abitur hatte er dies und das gemacht: Hatte Schmuck aus Indien importiert, war als Jongleur auf Jahrmärkten aufgetreten, als Kurier durch Wien geradelt und so weiter.

Sein Medizinstudium brach er ab, wechselte zur Juristerei und promovierte schließlich zum Dr. jur. Seinen Spitznamen „Inquisitor“ verdankte er seinem Erfolg beim Fernsehen.
Der Zug würde gegen acht Uhr in Berlin ankommen, bis zum Auftritt in seiner Talkshow Widerworte hatte er noch genügend Zeit zur Vorbereitung, die er ohnehin kaum mehr nötig hatte. Sein Witz und seine rhetorische Wendigkeit ließen ihn niemals im Stich. Zudem war seine Art der Gesprächsunterbrechung so einmalig, dass er sich nicht fürchten musste, wenn eine seiner Shows nicht das Ziel erreichte, den Gast zuerst ins Schwitzen und dann auf die Trage zu bringen, weil sein Herz zu schwach war für Grosmanns Widerworte. Die Tröpfe, die zu ihm kamen, taten ihm leid, weil sie sich einer Rosskur unterzogen, der sich freiwillig nur Leute aussetzten, denen es an klarem Verstande fehlte.

Niemals waren seine Erinnerungen schärfer als auf den Bahnfahrten nach Berlin. Häufig erinnerte er sich an seine Studentenbude in Hamburg, die Möwenschatten über dem Dachfenster und an Sarah, die ihre Ohrringe suchte und sich gerade aufmachte, zunächst den deutschen und dann den internationalen Film zu erobern. Ich kam mit einer Rose und du unterstelltest mir Eros, dachte er. Sarah auf ihrem verfluchten Weg zur Seifenblase Ruhm.

Sören Grosmann blickte in den Toilettenspiegel und lächelte. Seine langen Zähne glänzten, seit er zwei unterschiedliche elektrische Zahnbürsten benutzte. Wenngleich erfolgreich wie nie zuvor, schien sein Leben zu zerbröseln. Mit dem nassen Zeigefinger strich er die schwarzen Augenbrauen glatt. Das Wundbrennen in seinen Nasenlöchern trieb er am sichersten mit Beelzebub aus. Wenn die glitzernden Wellen der Droge anschlugen, in seine Gedanken drangen und mit ihrem Funkeln die banalsten Kinkerlitzchen in himmlische Wunder verwandelten, dann notierte Sören Grosmann mit äußerster Sorgfalt sämtliche Schritte, die er machen wollte, um Sarah aufzuspüren. Solange seine Nerven vor Glück vibrierten, erschienen ihm seine Notizen logisch und bedeutsam. Am nächsten Morgen jedoch, wenn sein Kopf durch den Nebel brach, schaute er mit teilnahmslosem Abscheu auf sein Gekrakel.

Seit Kurzem schmiedete er mit dem gleichen Eifer Pläne für seinen Tod. Er zeichnete einen Graphen, in dem er das Auf und Ab seiner Furcht vor dem Nichts festhielt und schließlich, um die Dinge zu vereinfachen, legte er ein endgültiges Datum fest — die Nacht zwischen dem 10. und 11. November. Sein Interesse war nicht in erster Linie vom Gedanken an den Tod und seinen Veränderungen bestimmt, sondern am Ausarbeiten der vorangehenden Einzelheiten, worin er sich so sehr verlor, dass er darüber die Abberufung selbst vergaß. Aber sobald er nüchtern wurde, verblasste das romantische Bild von dieser oder jener überspannten Methode der Selbstabschaffung. Als Kern blieb nur der Gedanke: Mein Leben verpufft so lala ins Nichts und es fortzusetzen, ist völlig hirnrissig.

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Dienstag, 1. April 2014

Neugier ist der Katze Tod (Teil 2 von 2/2)



Sie bedauerte ihre Worte, als sie in sein ernstes Gesicht blickte, wünschte sich, sie zurücknehmen zu können. Sie wollte sich entschuldigen, dass sie sich eingemischt, sein ruhiges Lesen unterbrochen habe, weil sie fürchtete, einen weiteren Kunden verloren zu haben, als er ihr das Buch entgegenstreckte. Sein Blick verwandelte sich, selbstbewusst schaute er sie an, herausfordernd, ein Ausdruck, den sie seit der Beerdigung nicht mehr benutzt hatte.
„Ich bin damit sowieso fertig“, sagte er und stieß ihr das Buch in die ausgestreckte Hand. Als sie auf den Umschlag blickte, stand er behände auf und eilte an ihr vorbei zum Ausgang.
„Warten Sie, ich …“
„Sie brach den Satz ab beim Läuten der Eingangstür. Die Ruhe war wieder da, die irritierende Stille.“
In ihren Händen hielt sie das Buch über den berühmtesten Mord in der Stadt, geschehen vor zehn Jahren. Immer wieder verbreiteten sich frische Gerüchte darüber, wer die dreißig Jahre alte Judith Jäger ermordet hatte in einer Gasse gleich um die Ecke.
War wohl ein weiterer selbsternannter Detektiv, der die Nuss knacken wollte. Als sie den Band ins Regal zurückstellen wollte, fiel etwas aus dem Buch zu Boden. Sonja bückte sich und hob das gefaltete Blatt auf. Sie entfaltete den Zettel, auf dem zwei handgeschriebene Sätze standen.
Ich habe sie getötet, weil Liebe alles rechtfertigt. Eines Tages hätte ich sie verloren, also habe ich vorgesorgt.
Vom Schellen der Tür erschreckt, blickte Sonja zur Tür, von wo der Mann durch den Gang eilte und schon vor ihr stand. Sein Blick wanderte vom Zettel in ihrer Hand zu ihrem Gesicht und wieder zurück. Ob ihr Gesicht sie verriet, ihren Verdacht?
Einen Flecken blauer Tinte an seinem Daumen war das Letzte, was sie sah, bevor sich seine Hände um ihren Hals legten. „Wie glücklich du leben würdest, wenn du dich um anderer Leute Sachen so wenig bekümmertest wie um deine eigenen.“


Die letzte Lektion
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